Die wachsenden Spannungen zwischen den Erzrivalen Saudi-Arabien und Iran lösen internationale Sorgen um die Stabilität in der Region aus. Nach Saudi-Arabien brachen am Montag auch die saudischen Verbündeten Bahrain und der Sudan die Beziehungen zum Iran ab. Die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar riefen den Botschafter zurück. Obwohl unter anderen die USA, Deutschland und die Türkei zur Deeskalation aufrufen, scheint der Graben zwischen den beiden Regionalmächten am Golf tiefer denn je.

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Wegen der Hinrichtung eines schiitischen Geistlichen hatten Demonstranten zuvor die saudische Botschaft in Teheran gestürmt. Problematisch ist der Streit für die gesamte Region. Saudi-Arabien und der Iran sind sowohl in Syrien als auch im Jemen auf gegnerischen Seiten in Kriege involviert, die von einigen Beobachter als Stellvertreterkriege interpretiert werden.

Schwieriges Spannungsfeld für die Schweiz

Das Interesse an einer Lösung der Konflikte wird nun noch schwieriger. Das ist auch für die wirtschaftliche Entwicklung im Nahen Osten ein negatives Vorzeichen. Aus Investorensicht sei das eine schlechte Nachricht, sagte der ehemalige libanesische Finanzminister und heutige Unternehmensberater Jihad Azour der Wirtschaftsagentur Bloomberg. Jede Hoffnung auf eine baldige Annäherung der beiden Länder habe sich in den vergangenen Tagen zerschlagen. Die Situation kann auch die Schweiz nicht kaltlassen und dies nicht alleine wegen dem Erdöl.

Die Schweiz bewegt sich in einem schwierigen Spannungsfeld: Einerseits stellen Menschenrechtsverletzungen wie die jüngste Massenexekution in Saudi-Arabien mindestens ein moralisches Problem dar. Andererseits ist der Wüstenstaat ein lukrativer Absatzmarkt für Swissmade-Produkte. Zudem ist die Schweiz, insbesondere aufgrund der Rolle des internationalen Genf, eine der beliebtesten Destinationen für saudische Touristen.

Zweitwichtigster Exportmarkt in der Region

Saudi-Arabien ist vor allem für Luxusgüter wie Schmuck und Uhren ein wichtiger Absatzmarkt. Das Land ist die grösste Volkswirtschaft der arabischen Welt und nach den Vereinigten Arabischen Emiraten auch der zweitwichtigste Exportmarkt der Schweiz in der ganzen Region. «Grundsätzlich stellt Saudi-Arabien weiterhin einen kaufkräftigen und auf Schweizer Qualität bedachten Markt dar», bestätigt Chris Watts, Generalkonsul und Leiter des Swiss Business Hubs Dubai gegenüber handelszeitung.ch.

Im Gegensatz zur EU hat die Schweiz ein Freihandelsabkommen mit dem Golfkooperationsrat geschlossen, das am 1. Juli 2014 in Kraft getreten ist. Dieses sei trotz der umständlichen Handhabung ein Wettbewerbsvorteil für Schweizer Exporteure in den Mitgliedsstaaten. Dazu gehören die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain, Oman, Katar und eben auch Saudi-Arabien.

Gewaltiger Handelsbilanzüberschuss

Interessant aus Schweizer Sicht ist auch der gewaltige Handelsbilanzüberschuss: Während 2014 Waren für 4,6 Milliarden Franken ins Königreich verkauft wurden, betrugen die Einfuhren nur 168 Millionen Franken. In den ersten sechs Monaten des vergangenen Jahres war das Verhältnis sogar noch extremer. Exporte von 2,5 Milliarden Franken standen Importen von 34 Millionen Franken gegenüber.

Trotz dieser Zahlen ist das erzkonservative Königreich kein einfacher Handelspartner. «Zu den grössten Hürden für Exporteure zählen kulturelle und regionalspezifische Geschäftsgepflogenheiten und die Tatsache, dass man oft ohne lokalen Geschäftspartner keinen Marktzugang findet», erklärt Watts. Dies, obwohl in Saudi-Arabien formell kein lokaler Partner mehr vorgeschrieben sei.

Kriegsmaterialexporte nach Saudi-Arabien auf Eis

Grosse weitere Probleme stellen die kritische Menschenrechtslage und die geopolitische Situation dar. Bereits in der Vergangenheit stand die saudische Monarchie wegen der Unterdrückung der Frauen, dem Krieg im Jemen, mittelalterlichen Strafen und der Unterstützung von radikalen Islamisten in der Kritik. Wegen des Jemen-Konflikts hat der Bund 2015 zahlreiche Kriegsmaterialexporte nach Saudi-Arabien und in andere involvierte Länder gestoppt. Auf die Gesamtbilanz der Exporte hatte dies indes nur wenig Einfluss. Denn bereits 2014 waren nur noch Rüstungsgüter für 4 Millionen Franken nach Saudi-Arabien verkauft worden.

Exportiert werden in erster Linie Schmuck, Uhren und Pharmaprodukte, aber auch Maschinen. Und das Wachstumspotenzial scheint trotz des Verfalls des Ölpreises, der den Scheichs zu schaffen macht, gross. «In Anbetracht der Tatsache, dass Saudi-Arabien aufgrund des Erdölreichtums viel Geld für den Konsum ausländischer Güter und für die Realisierung riesiger Investitionsprojekte zur Verfügung steht, ist die Prognose berechtigt, dass hochwertige Güter aus der Schweiz weiterhin einen guten Absatz finden», schrieb das Seco im letzten Länderbericht vom September.

Folgen nicht abschätzbar

Ob diese Einschätzung weiter Bestand haben wird, ist offen. «Inwieweit der Konflikt zwischen Saudi-Arabien und dem Iran nun Auswirkungen auf Schweizer Unternehmen haben könnte, lässt sich derzeit noch nicht abschätzen», sagt Watts vom Swiss Business Hub. Man beobachte die Situation genau und informiere interessierte Unternehmen über allfällige neue Entwicklungen.

Dass selbst die Saudis vor ökonomischen Rückschlägen nicht gefeit sind, weiss auch das Seco. Ab 2009 sei im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise eine Verzögerung gewisser Projekte, eine leichte Dämpfung des Konsums und dadurch auch eine gewisse Verlangsamung der Exporte festzustellen gewesen, steht im Länderbericht. Erst 2012 stiegen die Schweizer Exporte nach Saudi-Arabien wieder. Zuletzt sorgte das Land mit einem Rekordminus von 98 Milliarden Dollar im Staatshaushalt für neue Zweifel. Grund ist der Verfall des Ölpreises, wofür das Königreich als grösstes Opec-Mitglied aber auch selber grosse Verantwortung trägt.