Unternehmensberater alter Schule erzählen sich beim Bier gerne mal einen Witz. Mit Synergien verhalte es sich wie mit dem Ungeheuer von Loch Ness: Alle reden davon, keiner hats gesehen.

Seit der Finanzkrise können auch Banker am Feierabend Humor beweisen. Sie haben nun ihr eigenes Ungeheuer, und das heisst «Schattenbanken». Seine Ausmasse wirken furchteinflössend. Unheimliche 67 Billionen Dollar sollen ausserhalb des regulierten Bankensystems in dunklen Kanälen zirkulieren, gab vor wenigen Tagen das Financial Stability Board (FSB) bekannt.

Der Club der wichtigsten Aufsichtsbehörden und internationalen Finanzorganisationen vermutet im Hinterhof des globalen Geldsystems eine Gefahr der besonderen Art. Fremdfinanzierte Schattenbanken seien wie Banken anfällig für Vertrauenskrisen.

Diesmal trifft die Hedgefonds kaum eine Schuld

Doch wer sind diese Schattenbanken? Wie heissen die Chefs? Wo haben sie ihren Hauptsitz? Die Antwort des FSB erinnert an den Nebel im schottischen Hochland.

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Von «anderen» Investitionsfonds und «anderen» strukturierten Anlagevehikeln ist da die Rede. Die Daten seien noch zu wenig detailliert, müssen die Experten zugeben. Prompt machte sich so mancher Kommentator seinen eigenen Reim auf die Bedrohung. Im Zweifelsfall gegen die Hedgefonds, hiess da oft die Losung.

Diesmal trifft freilich die anonyme Masse der Heuschrecken kaum eine Schuld. Vielmehr verbergen sich hinter dem Begriff der Schattenbanken neben grossen Fondsgesellschaften wie etwa Blackrock auch schwer fassbare Monster, welche die regulierten Banken einst unter den Augen der Aufseher geschaffen haben.

«Conduits» heissen die gefährlichen Zeitbomben im Profijargon. Mit Hilfe solcher virtueller Wettbüros umgingen die Banken vor der Finanzkrise die Eigenkapitalvorschriften. Finanzingenieure hatten das Ganze so konstruiert, dass die Vehikel nicht als Tochterfirmen in der Bilanz konsolidiert werden mussten.

In Dublin oder anderen Steueroasen konnten die Banker munter milliardenschwere Pakete mit US-Ramschhypotheken auf Pump kaufen. Geldmarktfonds finanzierten das Casino mit Krediten, die oft eine Laufzeit von wenigen Wochen hatten. Conduits mit einer Bilanzsumme von 20 oder mehr Milliarden besassen mitunter kaum 2000 Euro Eigenkapital. Es waren Wahnsinnige am Werk – vergleichbar mit Formel-1-Piloten, die ohne Bremsen fahren und hoffen, dass keine Kurve kommt.

Die Regulierung droht an der -Komplexität zu scheitern

Doch die Kurve kam. Auf dem Höhepunkt der US-Immobilienkrise erneuerten die Geldmarktfonds den Conduits die kurzfristigen Kreditlinien nicht mehr. Banken mussten ihren heimlichen Töchtern mit Liquidität beispringen. Es folgten Notverkäufe von Ramschpapieren. Die Kurse fielen weiter. Der Rest ist bekannt. Zuerst kam es zu Bankenrettungen rund um den Globus, dann folgte die Schuldenkrise.

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Ein solcher Flächenbrand darf sich nicht wiederholen. Allerdings weiss keiner so genau, wie viele von den gefährlichen Vehikeln heute noch oder wieder aktiv sind. Die diffuse Regulierung einer diffusen Bedrohung bringt aber wenig. Zuerst braucht die von den Staatschefs der G20 beauftragte FSB eine klare Vorstellung davon, was der Kern des Problems ist. Sonst droht das Vorhaben an der unbeherrschbaren Komplexität zu scheitern.

Das wäre fatal, zumal das deutlich wichtigere Regulierungsprojekt gerade ins Schlingern gerät. Die USA bremsen die Einführung von Basel III – und damit die kapitalgestärkte Krisenprophylaxe für die grossen Bankenkonzerne.

Übrigens verbringt der 60-jährige Nessie-Jäger George Edwards seit 26 Jahren knapp 60 Stunden pro Woche auf dem See. Mehr als ein unscharfes Foto von einem mysteriösen Buckel im Wasser brachte er bislang nicht nach Hause.

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