Ohne «Schindler Liste» wäre der Krakauer Stadtteil Kazimierz nicht das pulsierende Szene-Quartier der Gegenwart. Der Film über den Retter von 1200 Juden brachte auch neues Leben in das alte jüdische Viertel. Am Samstag vor 20 Jahren hatte der Film Premiere.

Wenn Steven Spielberg heute «Schindler Liste» an Krakauer Originalschauplätzen drehen wollte, hätte er arge Probleme: Wo vor 20 Jahren die Patina grauer und trister Häuser perfekt in den in schwarz-weiss gedrehten Film passte, ist seitdem ein Szene-Viertel entstanden.

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Die alten Häuser haben einen neuen Anstrich, mehr oder weniger dezente Leuchtreklame ergänzt das Strassenbild, und die kleinen Elektrobahnen, mit denen Touristen durch den Stadtteil Kazimierz und zur einstigen Schindler-Fabrik im benachbarten Podgorze kutschiert werden, sind allgegenwärtig.

Erste Spielberg-Touristen seit 1993

Am neuen, bunten Gesicht von Kazimierz, dem einstigen jüdischen Stadtteil von Krakau, ist Spielberg nicht ganz unschuldig. Kurz nach der Premiere von «Schindler Liste» am 30. November 1993 in Washington tauchten die ersten Spielberg-Touristen in Krakau auf.

Vor dem Film war die Geschichte des deutschen Industriellen Oskar Schindler, der vom Kriegsgewinnler und Opportunisten zum Retter von 1200 Juden wurde, nahezu unbekannt. Nun wollten die Leute sehen, wo einst die Emaillefabrik stand, wo das Ghetto war, oder das Arbeitslager Plaszów.

Melancholischer Charme

«Der Erfolg des Films war der Anfang der Wiedergeburt des Stadtteils», sagt Magdalena Sroka vom Krakauer Kulturbüro. Vom einstigen Ghetto ist nur wenig geblieben. Aber die Synagogen und die Mikwah, in der heute ein Restaurant untergebracht ist, die verwinkelten Gassen und der Remuh-Friedhof, auf dem berühmte Rabbis begraben liegen, hatten erst Spielberg inspiriert und dann Besucher aus aller Welt mit ihrem melancholischen Charme begeistert.

Die Häuser von Kazimierz hatten den Krieg überdauert – im Gegensatz zu den meisten ihrer Bewohner, die erst ins Ghetto, später nach Auschwitz oder in andere deutsche Vernichtungslager deportiert wurden. Nach dem Krieg kehrten einige der Überlebenden zurück, doch der Stadtteil verfiel.

In Häusern, in denen einst die Sabbatkerzen brannten, brachten die Behörden ärmere Familien unter. Erst in den 90er Jahren entdeckten Künstler und Intellektuelle den maroden Charme von Kazimierz. Es gab erste Versuche, das jüdische kulturelle Erbe der Stadt wiederzubeleben.

Museum in der Fabrik

Das Restaurant «Ariel» auf dem grössten Platz des Stadtteils servierte bereits traditionelle jüdische Gerichte wie «gefilte Fisz», als Spielberg kam. Hier drehte er die berühmte Szene des rauschenden Festes, das Schindler seinen Nazi-Freunden bereitete, um Zugeständnisse für seine jüdischen Arbeiter zu erhalten. Die Szenen-Fotos gehören heute zur Lokal-Dekoration.

Heute sind die Strassen von Kazimierz mit Restaurants, Clubs und Szene-Kneipen gesäumt. Kein Reiseveranstalter oder Hotel, das nicht «Kazimierz und Schindlers Liste»-Touren anbietet. Die einstige Emaillefabrik, die jahrzehntelang leer stand, ist seit drei Jahren ein Museum mit einer multimedialen Ausstellung zur deutschen Besatzung in Krakau. Im alten Büro Schindlers steht noch der Schreibtisch des Industriellen – mit einer Schreibmaschine wie jener, auf der die berühmte Liste getippt wurde.

(sda/vst/aho)