Mit Essen spielt man nicht. Diesen Satz kannten unsere Grossmütter nur allzu gut – und gaben ihn gerne an uns weiter. Schon bald werden die Schweizerinnen und Schweizer darüber befinden, ob auch Schweizer Banken und Vermögensverwalter mit Essen spielen – und ob dies ein Ende haben soll. Am gestrigen Mittwoch kam die Volksinitiative «Keine Spekulation mit Nahrungsmitteln» offiziell zustande, wie die Bundeskanzlei mitteilte. Von den 116'825 eingereichten Unterschriften waren 115'942 gültig.

Mit der Initiative wollen die Initianten, die Juso Schweiz, die Spekulation mit Agrarrohstoffen und Nahrungsmitteln eindämmen. Das Verbot soll auch für strukturierte Produkte gelten.

Wie aussichtsreich sind die Chancen, dass die Initiative, über die wohl erst in rund zwei Jahren abgestimmt wird, vom Schweizer Volk angenommen wird? «Dem Hunger auf der Welt einen Riegel vorzuschieben, ist ein populäres Anliegen», sagt Fabian Molina, Präsident der Juso Schweiz. «Wir sind sicher, dass die Stimmbevölkerung die Probleme der Spekulation mit Nahrungsmitteln erkennt und zahlreiche Menschen dieser widerlichen Form der Profitmacherei stoppen wollen.»

Treibt Spekulation tatsächlich die Preise für Nahrungsmittel?

Markige Worte eines ambitionierten Jungpolitikers. Doch treibt tatsächlich Spekulation die Preise für Nahrungsmittel? Die Antworten von Fachleuten auf diese einfache Frage könnten kaum unterschiedlicher ausfallen. Einige Studien messen der Spekulation an den Terminbörsen einen «beachtlichen Einfluss auf die Preise für Agrarrohstoffe» bei, wie die Ökonomen der Deutschen Bank feststellen.

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So kommt etwa ein Diskussionspapier von Wissenschaftlern der ETH Zürich in Zusammenarbeit mit Kollegen des Uno-Ablegers Unctad zu dem Ergebnis, dass die Preise für Rohstoffe oft durch das Herdenverhalten im Hochfrequenzhandel getrieben werden – dadurch also kräftiger nach oben und unten ausschlagen. Demnach entwickeln sich die Rohstoffpreise auch immer gleichläufiger mit den Aktienbörsen und nicht – wie von Banken oft betont – antizyklisch.

In einer anderen Studie zeigten Unctad-Autor Vladimir Filimonov und ETH-Wissenschaftler Didier Sornette auf, dass von Mitte 2005 bis Oktober 2012 mindestens 60 bis 70 Prozent der Preisveränderungen für Rohstoffe auf sich selbst verstärkende Finanzaktivitäten zurückzuführen seien – und nicht auf neue Informationen über etwaige Missernten rund um den Globus.

Bankiervereinigung positioniert sich als Initiativgegner

Gleichwohl befinden die Experten der Deutschen Bank selbst aber, dass die steigenden Preise für landwirtschaftliche Rohstoffe vor allem eine Folge der zunehmenden Nachfrage sind, mit der das Angebot nicht Schritt halten kann. Demnach treiben also vor allem reale Faktoren wie Missernten und extreme Wettereignisse die Preise immer wieder nach oben.

So sieht man es auch bei der Schweizer Bankiervereinigung. «Die meisten wissenschaftlichen Studien stellen keine Kausalität zwischen Rohstoffinvestitionen und den Preisveränderungen fest», findet Martin Hess, Leiter des Bereichs Wirtschaftspolitik bei Swiss Banking.

Banken haben Angst vor Reputationsverlust

Die Wissenschaft liefert auf diese entscheidende Frage also keine eindeutige Antwort. Unbestritten ist jedoch: Für die Banken steht bei der emotional geführten Debatte viel Reputation auf dem Spiel. Deshalb geben immer mehr Finanzinstitute an, aus dem umstrittenen Geschäft zumindest teilweise aussteigen zu wollen.

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Vor wenigen Tagen vermeldete das britische Finanzinstitut Barclays, sich aus dem Handel mit Grundmetallen, Energie und landwirtschaftlichen Produkten teils zurückziehen zu wollen. Ob dann auch keine solchen Produkte mehr an Kunden verkauft werden, ist jedoch noch völlig unklar. Ähnlich reagierte JP Morgan. Die Deutsche Bank gab kurz nach der Finanzkrise bekannt, ebenfalls nicht mehr Geschäfte mit Nahrungsmitteln tätigen zu wollen. Nachdem man dort aber feststellte, dass vor allem Angebot und Nachfrage die Preise nach oben treiben, ist man inzwischen wieder dabei.

Schweizer Banken machen sich klein

Auch Schweizer Banken winden sich bei diesem Thema. UBS und Credit Suisse legen Wert auf die Aussage, dass sie im Konzert der globalen Rohstoffbranche nur eine kleine Geige spielten. «Wir sind ein äusserst kleiner Marktteilnehmer bei Anlageprodukten, die ausschliesslich in Nahrungsmittel investieren», sagte eine Sprecherin der Credit Suisse im vergangenen Jahr zu handelszeitung.ch. Immerhin: Das letzte verbliebene Anlageprodukt läuft im August 2015 aus. Nach aktuellem Stand der Dinge soll es danach nicht mehr verlängert werden und vom Markt verschwinden.

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Ähnlich sieht es bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB) aus, die sich bei dem Thema ebenfalls schwer tut. Nach langem Hin und Her gab sie im vergangenen Dezember Einschränkungen bekannt. Sie will bestimmte Anlageprodukte, die nur in einen Rohstoff investieren, künftig offenbar nicht mehr neu emittieren und bestehende Vehikel nach Verfall vom Markt nehmen. Die selbst gesetzte Volumengrenze für den Handel mit Rohstoffen fällt mit 650 Millionen Franken indes sehr hoch aus.

Ganz aussteigen aus dem lukrativen Geschäft wollen aber weder ZKB noch Credit Suisse. Und so klein, wie sich die Credit Suisse gibt, ist sie wohl ebenfalls nicht: «Die Credit Suisse gehört global zu den am stärksten mit Rohstoff-Derivaten spekulierenden Banken», heisst es in einer kürzlich veröffentlichten Studie der Berner entwicklungspolitischen Arbeitsgemeinschaft Alliance Sud.

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Schweizer Derivategeschäft auf landwirtschaftliche Produkte boomt

Recherchen der Organisationen Brot für alle, Fastenopfer und Alliance Sud zufolge beliefen sich die Investitionen der Credit Suisse in Derivate auf landwirtschaftliche Produkte im Frühsommer 2013 auf rund 2,5 Milliarden Franken. Insgesamt lag das Investitionsvolumen der zehn tätigen Schweizer Banken in diesem Bereich bei 3,6 Milliarden Franken. 

Nach der Credit Suisse folgen UBS (rund 350 Millionen Franken) und J. Safra Sarasin (knapp 350 Millionen Franken) laut dieser Quelle auf den Plätzen. Beide Banken wollen laut Alliance Sud weiter in Agrarrohstoffe investiert bleiben. Das gleiche gilt demnach für die Privatbanken Julius Bär und Vontobel.

Das Hauptargument dieser Schweizer Banken ist oftmals das bekannte: Die Vorwürfe, dass Finanzanlagen Volatilität und Preise der Rohstoffe treiben, seien aus wissenschaftlicher Sicht nicht haltbar. Bis zum Tag der Abstimmung dürfte die Wissenschaft diesen Konflikt wohl nicht mehr auflösen. Insofern ist ein äusserst emotional geführter Abstimmungskampf zu erwarten.

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