1. Home
  2. Politik
  3. Schotten wählen, Börsen spekulieren auf «Nein»

Unabhängigkeit
Schotten wählen, Börsen spekulieren auf «Nein»

Schottland: Die berühmten Schottlandrinder bleiben gelassen wie eh und je.   Keystone

Wenn die Schotten über ihre Unabhängigkeit abstimmen, haben die Börsianer ihre Wette schon gemacht: Das britische Pfund steigt im Wert, die Händler glauben an einen Verbleib in Grossbritannien.

Veröffentlicht am 19.09.2014

Das britische Pfund legte am Tag des Schottland-Referendums unterdessen zu. Händler begründeten dies mit jüngsten Umfragen, die auf eine knappe Mehrheit für einen Verbleib bei Grossbritannien hindeuten.

Das Rennen bleibt aber denkbar knapp. Erhebungen zufolge waren viele Schotten bis zuletzt unentschlossen. Ob sich Schottland nach mehr als 300 Jahren vom Vereinigten Königreich lossagt, wird am frühen Freitagmorgen feststehen. Im Falle einer Abspaltung sind Turbulenzen an den Finanzmärkten nicht auszuschliessen.

Auch Obama wünscht ein «Nein»

Schottland schreibt Geschichte: In einer bis zuletzt offenen Abstimmung werden Millionen Schotten über die Unabhängigkeit des Landes von Grossbritannien entscheiden. Wegen der erheblichen Auswirkungen etwa auf den britischen Finanzmarkt, die Europäische Union und die Nato war die Aufmerksamkeit auch im Ausland enorm. «Ich hoffe, dass Grossbritannien vereint bleibt», schrieb US-Präsident Barack Obama auf Twitter. Die Befürworter warben mit dem Argument, dem ölreichen Schottland werde es allein besser als in der Gemeinschaft Grossbritanniens gehen.

Von den Shetland-Inseln bis zur Hauptstadt Edinburgh trafen am Donnerstag bis zu 4,3 Millionen Schotten in 32 Wahlbezirken die Entscheidung, ob Schottland nach mehr als 300 Jahren die Union mit England auflösen soll. Beide Lager mobilisierten zum Ende des Wahlkampfes noch einmal alle Kräfte.

Deutschland hält sich zurück

Bundeskanzlerin Angela Merkel wollte sich zu internen britischen Angelegenheiten nicht äussern. In der Europäischen Union wird die Tendenz zur Kleinstaaterei in Europa kritisch gesehen - vor allem in Ländern wie Spanien, Italien und Belgien, wo es ebenfalls regionale Unabhängigkeitsbestrebungen gibt.

«Wacht auf am Freitag und seid euch gewiss: Wir waren es, wir haben es möglich gemacht», schrieb Schottlands Ministerpräsident und Kopf der Unabhängigkeitsbewegung, Alex Salmond, in einem offenen Brief an seine Mitbürger. Grossbritanniens Premierminister David Cameron hatte die Schotten förmlich angefleht: «Bitte, bitte, bleibt bei uns!»

Die Wahlleitung in Edinburgh erwartete eine in der Geschichte Schottlands noch nie dagewesene Wahlbeteiligung von mehr als 90 Prozent. Die Frage der Unabhängigkeit hatte das schottische Volk in den vergangenen Wochen wie kaum eine andere politische Entscheidung zuvor elektrisiert. Schon am Vormittag hatten sich lange Schlangen vor den 5579 Wahllokalen in 2608 Einrichtungen gebildet. Erstmals durften Schüler im Alter von mindestens 16 Jahren mitwählen. Die Wahllokale sollten um 23 Uhr schliessen.

Mit ersten Ergebnissen aus den 32 Stimmbezirken wird am frühen Freitagmorgen gerechnet, ein Endergebnis soll gegen 8 Uhr verkündet werden. Die Meinungsforscher haben bis zum Schluss ein Kopf-an-Kopf-Rennen vorhergesagt. Allerdings ergaben die letzten Erhebungen einen leichten Vorsprung für das «Nein»-Lager, das die Union mit Grossbritannien fortsetzen will.

Zuletzt hatte sich der frühere britische Premierminister und gebürtige Schotte Gordon Brown mit leidenschaftlichen Reden als Wahlkämpfer für den Erhalt der britischen Union betätigt. Premierminister Cameron hatte erklärt, Grossbritannien «sei die erfolgreichste Familie von Nationen auf der Welt.»

Dagegen sagte Nicola Sturgeon, stellvertretende schottische Ministerpräsidentin (Schottische Nationalpartei/SNP): «Ich habe gerade mit Ja für die Unabhängigkeit abgestimmt. Was für ein wunderbares Gefühl.»

Britische Kommentatoren sahen wegen des grossen Interesses und der durchdringenden politischen Debatte unabhängig vom Ausgang einen «Sieg für die Demokratie.» Für den Fall, dass sich die Schotten mehrheitlich für die Unabhängigkeit entscheiden sollte, befürchten Experten schwere Turbulenzen auf den Finanzmärkten und einen Absturz des britischen Pfunds. Wichtige finanzpolitische Fragen, etwa die nach der schottischen Währung und der Aufteilung der Staatsschulden sind noch nicht beantwortet. In Grossbritannien wird im Fall eines «Ja-Votums» eine massive Regierungskrise befürchtet.

Für den Fall, dass sich Schottland abspalten sollte, wurde der konservative Premier Cameron von Abgeordneten seiner eigenen Fraktion zum Rücktritt aufgefordert. «Der Premierminister muss in diesem Fall entscheiden, was die Ehre gebietet», sagte der Parlamentarier Andrew Rosindell der «Financial Times» Cameron selbst deutete an, er wolle nicht zurücktreten. «Über meine Zukunft wird bei der nächsten Parlamentswahl entschieden», sagte er in der BBC.

Cameron war im Wahlkampf, aus dem er sich zunächst weitgehend herausgehalten hatte, stark unter Druck geraten. Ihm wird vorgeworfen, die Unabhängigkeitsbewegung nicht ernst genommen und die Gefahr einer Abspaltung unterschätzt zu haben. Sein Last-Minute-Versprechen, Schottland eine weitere Autonomie zu gewähren, stösst in weiten Teilen Englands auf Kritik.

Während der teils hitzig geführten Kampagne hatten sich 97 Prozent der 4,4 Millionen Wahlberechtigten für die Abstimmung registrieren lassen. Damit können maximal 4,29 Millionen Menschen ihre Stimme abgeben. Die Stimmzettel müssen von entlegenen Inseln wie den Äusseren Hebriden oder den Orkneys teils per Schiff, Flugzeug und Hubschrauber zur Auszählung gebracht werden. In der Hauptstadt Edinburgh erfolgt dann eine zweite Prüfung.

Schottland geniesst bisher nur Teilautonomie innerhalb des britischen Staatsgebildes. Die Befürworter der Unabhängigkeit, die den Plänen zufolge 2016 in Kraft treten soll, erhoffen sich mehr wirtschaftlichen Wohlstand und kürzere Entscheidungswege.

(awp/chb)

Anzeige