Herr Botschafter, welche Bilanz ziehen Sie aus Ihrer Zeit als Schweizer Botschafter in den USA?

Manuel Sager: Meine Amtszeit stand in bilateraler Hinsicht klar im Zeichen des Steuerstreits. Es ging bekanntlich um viel, und die Interessenlage - sowohl im Verhältnis zu den USA, als auch innenpolitisch - war komplex.

Die Verhandlungen begannen mit weitgehend unvereinbaren rechtlichen Standpunkten. Deshalb dauerte es auch fast fünf Jahre, bis eine Lösung vorlag, zuerst für die UBS, dann für den Rest des Schweizer Finanzplatzes.

Daneben blieb mir aber immer wieder auch Zeit, Werbung für die Schweiz zu machen. Ein Land, das attraktiv, wettbewerbsfähig und innovativ ist. Und ein Land, das zu den grössten Investoren in den USA gehört. Die Schweiz leistet in verschiedenen Spannungsgebieten dieser Welt gute Dienste, von denen auch die USA profitieren.

Wie würden Sie die schweizerisch-amerikanischen Beziehungen Stand heute einschätzen?
Die Schweiz hat sehr viele Freunde, ja sogar Bewunderer in Amerika. Das gilt für unsere schöne Natur und die saubere Umwelt, die funktionierende Infrastruktur, das harmonische Zusammenleben verschiedener Kulturen und natürlich ganz besonders für den seit Jahren ausgeglichenen Staatshaushalt. Die Schweiz gilt in Amerika nach wie vor als eines der beliebtesten Länder der Welt, auch wenn populäre Filme von Zeit zu Zeit die alten Klischees vom Bösewicht mit dem Schweizer Nummernkonto wieder aufleben lassen.

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Ist ein Ende des Steuerstreites absehbar? Welche Spuren hinterlässt diese harte Auseinandersetzung?
Auf zwischenstaatlicher Ebene wurde der Steuerstreit im letzten August beigelegt. Für viele Banken wird die Umsetzung allerdings noch etwas dauern. Auf Schweizer Seite wird die mehrjährige Auseinandersetzung mit den amerikanischen Justizbehörden, die auch in der Schweiz selber zu heftigen Diskussionen geführt hatte, sicher Spuren hinterlassen.

In Amerika war der Steuerstreit, ausser in kleinen, eingeweihten Kreisen - und in ein paar Werbespots im letzten Präsidentenwahlkampf - überhaupt kein Thema. Wenn ich jeweils in Reden entsprechende Andeutungen machte, sah ich meist nur fragende Gesichter.

Gibt es Ihrer Ansicht nach Bereiche, in denen die Schweiz von Amerika lernen kann? Und umgekehrt: Wo kann die Schweiz den USA innovative Wege aufzeigen?
In öffentlichen Ansprachen hört man hier immer wieder, die USA seien das beste Land der Welt. Das bedeutet nicht, dass die Amerikaner nicht zur Selbstkritik fähig sind. Aber dieser Leitsatz verleiht dem heterogenen Volk Identität und im entscheidenden Moment immer auch wieder Ansporn, sich zu erneuern und zu verbessern. Darin sehe ich das eigentliche Potenzial der USA.

Wir Schweizer haben mindestens so viel Grund wie die Amerikaner, stolz auf unser Land zu sein. Wir haben aber oft etwas Mühe, die eigene Situation unverkrampft zu betrachten. Wir sprechen deshalb lieber von den Dingen, die nicht so gut laufen. Damit prägen wir unsere eigene Geisteshaltung.

Das ist kein Plädoyer gegen Bescheidenheit, sondern vielleicht für etwas mehr Dankbarkeit. Umgekehrt haben wir für viele gesellschaftspolitische Fragen, die für die USA eine grosse Herausforderung darstellen, tragfähige Lösungen gefunden, wie etwa die Schuldenbremse oder die Ausbildung unserer Jugend.

Was wünschen Sie Ihrem Nachfolger Martin Dahinden, dessen Amt als Leiter der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) sie im November übernehmen?
Dass er mit seiner Familie in Amerika mit ebenso viel Sympathie für die Schweiz empfangen wird, wie meine Frau und ich dies erfahren haben. Er wird sich aber auch immer wieder mit spannenden Fragen der bilateralen Beziehungen auseinandersetzen können - es muss ja nicht wieder ein fünfjähriger Rechtsstreit sein.

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Was war ein persönliches Highlight oder eine besonders positive Überraschung während Ihrer Amtszeit?
Zehn Tage nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis in Teheran durften wir die sogenannten «Hikers» mit ihren Familien und unserer damaligen Botschafterin im Iran auf der Residenz zum Abendessen einladen. Das war sowohl in beruflicher, als auch menschlicher Hinsicht ein Höhepunkt meiner Amtszeit in Washington.

Eine spezielle Erfahrung war sicher auch, als ich von einem mit uns gut bekannten Imam einer grossen Moschee ausserhalb von Washington eingeladen wurde, während des Freitagsgebets vor einer etwa tausendköpfigen Gemeinde auf seine eigene Predigt zu antworten. Nachher wollten alle meine Hand schütteln. Das war wirklich rührend.

Und dann zählte natürlich die Beilegung des Steuerstreits zu den Höhepunkten. Zusammen mit Deputy Attorney General James Cole durften wir die «gemeinsamen Erklärung» unterzeichnen.

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(sda/lur)