Am Bahnhof im schweizerischen Buchs geht trotz der grössten europäischen Flüchtlingskrise seit Jahrzehnten alles seinen gewohnten Gang. Das Städtchen an der österreichischen Grenze ist für Syrer und Iraker zwar die wichtigste Eintrittspforte zur Schweiz. Doch chaotische Szenen mit Hunderten von Menschen, die aus den Waggons drängen, bleiben aus. Es ist kaum je mehr als eine handvoll Flüchtlinge, die den Zügen entsteigen und von den Beamten in Empfang genommen werden.

Im Gegensatz zu früheren Krisen machen die meisten Kriegsflüchtlinge aus dem Nahen Osten bisher einen Bogen um die Schweiz. Auch wenn sich dies ändern sollte, sieht sich die Alpenrepublik dank einer Mischung aus Abschreckung, Anreizen und Effizienz besser vorbereitet als etwa Deutschland. Reine Wirtschaftsmigranten kommen erst gar nicht oder werden nach Schnellverfahren abgeschoben. Damit bleibe mehr Zeit, um sich um die Verfolgten zu kümmern, argumentieren die Behörden. Die Schweizer selbst, aber auch ausländische Spitzenpolitiker wie Bundeskanzlerin Angela Merkel, sehen das Land deshalb als Vorbild für Europa.

Leichte Zunahme der Asylanträge

Während sich Deutschland auf eine Vervierfachung der Asylanträge auf mindestens 800'000 einstellt, erwarten die Behörden in der Schweiz dieses Jahr lediglich eine leichte Zunahme auf 29'000. Gleichzeitig ist der Anteil der Schweiz an den Asylgesuchen in Europa auf dem tiefsten Stand seit 15 Jahren gesunken. Das hat damit zu tun, dass etwa Syrer lieber nach Deutschland wollen. Denn dort wohnten schon viele ihrer Landsleute und dort sei auch die finanzielle Unterstützung am grosszügigsten, erklären die Schweizer Grenzwächter.

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Die Schweiz ist für Einwanderer dagegen ein hartes Pflaster. Mit den Referenden wie dem Verbot zum Bau von neuen Minaretten 2009 oder der Begrenzung der Zuwanderung 2014 handelten sich die Bürger den Ruf ein, fremdenfeindlich zu sein. «Bei aller Grosszügigkeit, bei aller Menschlichkeit ist es für die kleine Schweiz unrealistisch, alle Hoffnungen und Wünsche der Menschen, die hier in unserem Land ein besseres Leben suchen, zu erfüllen», beschreibt Heinz Brand von der nationalkonservativen Schweizerischen Volkspartei ein weit verbreitetes Gefühl in einem der reichsten Länder der Erde.

Schweiz könnte mehr machen

Gemessen an der Bevölkerungszahl beherbergt die Schweiz deutlich mehr Zuwanderer als Deutschland. Fast ein Viertel der gut acht Millionen Einwohner stammt aus dem Ausland. Das Land war in seiner Geschichte immer wieder Ziel von Immigranten. Nach einem Ansturm von Serben, Mazedoniern und anderen Bürger des ehemaligen Jugoslawiens beschloss die Schweiz 2012, die Asylsuchenden je nach Herkunftsregion unterschiedlich zu behandeln.

Anträge von Personen aus den als sicher eingestuften Ländern des Westbalkans und Afrikas werden inzwischen in einem Schnellverfahren beurteilt. Die Registrierung des Gesuchs, die Erfassung der Fingerabdrücke, die Dokumentenprüfung und medizinische Abklärungen dauern durchschnittlich nur gerade eineinhalb Monate. Der eigentlich Entscheid fällt dann innerhalb von 48 Stunden nach der ersten Befragung.

Auch in Deutschland will mittlerweile eine Mehrheit der Parteien Flüchtlinge aus Balkanstaaten, die fast alle abgelehnt werden, schnell abschieben. Sie machten im ersten Halbjahr 40 Prozent aller Asylanträge aus.

Harte Asyl-Praxis publik gemacht

Die Schweiz hat zudem grosse Anstrengungen unternommen, die harte Asyl-Praxis in Ländern wie Serbien publik zu machen. In der Folge gingen die Anträge aus der Region massiv zurück.

In einem der Asylzentren proben die Behörden zudem, ob gestaffelte finanzielle Anreize Asylsuchende zu einer schnellen Ausreise bewegen können. Wer das Gesuch noch vor der Erstbefragung zurückzieht, erhält am Flughafen einmalig eine sogenannte Rückkehrhilfe von 2000 Franken ausbezahlt. Für Gesuchsteller, die sich nach einem negativen Asylentscheid sofort zur freiwilligen Rückkehr in die Heimat entscheiden, werden 1000 Franken gezahlt. Wer nach ein paar Wochen wieder einreist, muss das Geld zurückerstatten.

Nicht unumstritten

Auch in der Schweiz ist dieser Kurs nicht unumstritten. Der Parlamentsabgeordnete Balthasar Glättli kritisiert die zu kurzen Einspruchsfristen in manchen Verfahren. Auch wer Flüchtlinge bei sich zu Hause beherbergen wolle, müsse hohe administrativen Hürden überwinden. «Die Schweiz ist mit angezogener Handbremse unterwegs», erklärt der Migrationsexperte der Grünen Partei.

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Das Land könnte sehr viel mehr machen. «Wir haben sowohl die finanziellen wie auch die organisatorischen Kapazitäten dazu.» Auf dem Höhepunkt des Kosovo-Konflikts 1998 und 1999 beantragten in der Schweiz jeweils rund 45'000 Menschen pro Jahr Asyl. «Angesichts der grössten Flüchtlingskrise seit dem Zweiten Weltkrieg muss die Schweiz jetzt mindestens so viele Flüchtlinge aufnehmen.»

Lob vom UNO-Flüchtlingskommissariat

Selbst das UNO-Flüchtlingskommissariat lobt aber das Vorgehen der Schweiz bei Asylsuchenden aus Staaten, die nicht als Verfolgerstaaten gelten. Denn damit erhielten etwa Syrer, die wirklich Schutz bräuchten, schneller die Möglichkeit, ein neues Leben zu beginnen.

«Das braucht Europa auch, aber da ist man noch weit weg davon», erklärte die Schweizer Justizministerin Simonetta Sommaruga. Es sei offensichtlich, dass in Europa in den vergangenen Jahren viel versäumt worden sei. Dafür zahle es jetzt den Preis.

In einem anderen Punkt dürften manche deutsche Politiker die Schweiz angesichts der Dauerdebatte um die Unterbringung der Hilfesuchenden beneiden. Das Land hat sich darauf verständigt, wie die Flüchtlinge auf die Kantone verteilt werden.

(reuters/dbe/ama)