Die Schotten haben entschieden: Sie wollen weiterhin zu Grossbritannien gehören. Doch nach der Abstimmung ist nichts wie zuvor. Denn London muss dem Umstand Rechnung tragen, dass immerhin 45 Prozent der Wähler für die Unabhängigkeit votierten. Für Premier David Cameron bedeutet das, den Schotten mehr Autonomie zu gewähren. «Trotz des Neins wird Schottland wohl weitere Freiheiten bekommen», sagt Oliver Adler, Chefökonom der Credit Suisse.

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Das versprach auch Cameron kurz vor der Abstimmung auf der Titelseite der schottischen Tageszeitung «Daily Record», um die Schotten doch noch zum Verbleib im Königreich zu bewegen. Erfolgreich, wie sich nun herausstellte. Betitelt wurde Camerons Aufruf mit der Zeile «Der Schwur». Nun muss der Premier seinem Versprechen Taten Folgen lassen. Jetzt beginnt die Föderalimus-Debatte, heisst es in einem Kommentar auf der Online-Steite der «FAZ».

Die Verhandlungen über eine weitere Verlagerung von Autonomiebefugnissen von London nach Schottland sollen noch im November beginnen. Bereits für Januar ist ein Gesetzentwurf geplant, der die neuen Regelungen festschreibt, kündigte Cameron am Freitag laut Agenturen an.

«Schweiz eignet sich als Vorbild»

Doch wie könnte ein neues Königreich in der Realität aussehen, wenn die Schotten mehr Selbstbestimmungsrechte erhalten sollen und London mehr Kompetenzen an Edinburgh abgeben wird. «Vielleicht eignet sich die Schweiz als Vorbild für ein neues, reformiertes Königreich», sagt CS-Chefökonom Adler. «Denn die Schweiz zeigt als föderalistisches Land, wie viele Entscheidungen weg vom Zentrum an kleinere Einheiten delegiert werden.»

Adlers Aussagen sind dabei keineswegs so unrealistisch, wie mancher Beobachter denken könnte. Die Schweizer Politikstrukturen geniessen besonders auf der Insel einen hervorragenden Ruf. Vor einigen Wochen schon hob die renommierte britische Wirtschaftszeitung «The Economist» das Schweizer Modell lobend hervor, insbesondere mit Blick auf das Prinzip der Subsidiarität: staatliche Aufgaben fallen in der Schweiz, so weit möglich, der niedrigsten politischen Ebene zu. Seinerzeit wähnte der «Economist» die Schweiz noch als Vorbild für eine reformierte Euro-Zone, nun müssen die Strukturen im eigenen Land erneuert werden.

Schottland: Mehr Freiheit bei der Steuer – wie die Kantone

An der Universität von Kent wurde 2003 extra ein Bereich gegründet, der ausschliesslich das politische System in der Schweiz erforscht und unterrichtet – vor allem mit Blick auf den Föderalismus, die direkte Demokratie und die Neutralität. Erklärtes Ziel ist es, Grossbritannien einen institutionellen Rahmen für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts bereitzustellen.

Ein zentraler Verhandlungspunkt zwischen London und Edinburgh dürfte in den kommenden Wochen der Steuerautonomie zukommen. Heute kontrollieren die Schotten zwar bereits mehr als die Hälfte der Staatsausgaben, sagt CS-Chefökonom Adler. Ihre Autonomie sei bei der Bestimmung der Steuersätze und dem «Eintreiben» der Steuern aber beschränkt.

«Wie die Kantone und Gemeinden in der Schweiz könnten die Schotten hier mehr Freiheiten erhalten», so Adler. Zum Vergleich: In der Schweiz bekommt der Bund etwa einen Drittel des Steueraufkommens, Kantone und Gemeinden erhalten zwei Drittel.

Mehr finanzpolitische Autonomie

Daneben dürften die Schotten auch mehr Freiheit im Umgang mit Haushaltsmitteln von London einfordern. Und mehr finanzpolitische Autonomie der föderalen Einheiten könnte Grossbritannien laut Adler guttun. Das würde sowohl die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft stärken als auch zu einem vorsichtigeren Umgang mit Finanzressourcen führen, sagt er. «Da könnte die Schweiz Pate stehen.»