Männer der Ü40-Fraktion können sich gut daran erinnern. Noch Ende der 1980er-Jahre kam der Feind drei Wochen pro Jahr aus dem Osten – in Gestalt von roten Pfeilen auf Generalstabskarten. Simulierte Russenangriffe raubten dem genervten Manöver-Fussvolk regelmässig den Schlaf.

Gut zwei Jahrzehnte später ist das mitunter absurde Schauspiel vergessen. Das Feindbild kam abhanden. Die Russen beschäftigen zwar die WK-Soldaten noch immer, aber nur als Bewachungsobjekte am WEF in Davos. Love and Peace prägen die Beziehungen zum ehemaligen Feind.

Auf die jüngsten Liebesgrüsse aus Moskau sind hiesige Regierungsvertreter stolz. Russland präsidiert in diesem Jahr den mächtigen Zirkel der zwanzig grössten Industrie- und Schwellenländer. In diesen Tagen treffen sich deren Finanzminister zum ersten Gipfel. Auf Einladung der Russen dürfen zum ersten Mal in der Geschichte auch die Schweizer teilnehmen. Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf sitzt für einmal am Tisch der ganz Grossen.

Zwischen Bundeshaus und Kreml spielt eine Achse der Aussenseiter

Vor zwei Jahren wäre solch ein Kuschelklima im Kreis der G20 noch undenkbar gewesen. Damals führte Frankreich die G20 an und liess die Schweiz am langen Arm verhungern. Stattdessen durfte Erzrivale Singapur teilnehmen. Die Eidgenossen schafften es nur an den Katzentisch unbedeutender Arbeitsgruppen. Und am Schlussgipfel in Cannes stellte der damalige Präsident Nicolas Sarkozy gar elf Steueroasen an den Pranger. Zu Sarkos Club der Geächteten gehörte neben so zwielichtigen Destinationen wie Tobago oder Vanuatu auch die Schweiz.

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Bundesrätin Micheline Calmy-Rey liess daraufhin den französischen Botschafter in Bern einbestellen – in Diplomantenkreisen ein untrügliches Zeichen für totale Eiszeit. Bis heute hängt der Haussegen schief. Paris nimmt Bern nicht so richtig ernst. In Berlin und Rom ist es  übrigens nicht viel anders. Da wirkt die jüngste Reise nach Moskau wie ein Befreiungsschlag. Endlich kann die notorisch schlecht vernetzte Landesregierung in der obersten Liga Kontakte aufbauen und ein bisschen mitreden.

Doch die Einladung an den Tisch der Titanen kommt nicht rein zufällig – und sie ist nicht ganz unproblematisch.

Zwischen Bundeshaus und Kreml spielt immer mehr eine Art Achse der Aussenseiter. Wer wie die Schweiz im Westen so gut wie keine Freunde mehr hat, schaut eben mal in die andere Richtung. Und siehe da, dort ist alles viel entspannter. Statt Kavallerie, Staatsanwälte und schwarze Listen gibt es Streicheleinheiten und viel Verständnis für ein Nicht-EU-Mitglied. Mit harter Kritik aus Brüssel kennen sich beide nur zu gut aus.

Russland ist alles andere als eine «lupenreine Demokratie»

Seit Jahren florieren die Beziehungen. Die Gemengelage aus Luxustouristen, Oligarchen und Rohstoffhandel beschert gemeinsame Interessen. Vor allem spült sie viel Geld Richtung Alpen. Über drei Viertel der russischen Erdölexporte werden hier abgewickelt. In Schweizer Banken schiessen die Russland-Abteilungen wie Pilze aus dem Boden. Ihr Neugeld kompensiert oft die Abflüsse Richtung Euroland.

Aber wer sich mit Russland ins Bett legt, nimmt freilich ein Reputationsrisiko in Kauf. Schliesslich hält nur Alt-Kanzler und Ringier-Berater Gerhard Schröder das Land für eine «lupenreine Demokratie». Der Rest schaut geschockt zu, wie der Machtapparat von Präsident Vladimir Putin die Opposition immer brutaler drangsaliert.

Den Kuschelkurs mit Russland sollten die Schweizer Diplomaten nicht übertreiben. In der Beziehung zu Moskau haben rote Pfeile zwar längst ausgedient – rote Warnlampen  vielleicht noch nicht.

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