Hans Bär wusste nicht, wie ihm an diesem 23. April 1996 in Washington geschah. Der New Yorker Senator Alfonse D’Amato veranstaltete als Vorsitzender des Bankenausschusses ein Tribunal gegen die Schweiz. Es sei «verabscheuenswürdig, Opfer des Holocaust und deren Erben zu bestehlen», stimmte D’Amato die Veranstaltung ein.

Der Bankier Bär versuchte als Vertreter der Schweizerischen Bankiervereinigung die harschen Attacken abzufedern. Doch im Kreuzfeuer der Senatorin Barbara Boxer geriet er ins Stocken. Auf ihre erste Frage sagte er irritiert: «Es tut mir leid, ich weiss es nicht. Es ist das erste Mal, dass ich davon höre.» Boxer hakte nach: «Sie hören das zum ersten Mal?» Bär: «Die schwedische Verbindung.» Boxer hatte «Switzerland» und «Sweden» verwechselt.

Die US-Administration setzt ihre
 Interessen knallhart durch

Diese Episode hat Symbolcharakter. Sie zeigt, wie es wirklich um die Beziehungen zwischen der Schweiz und den USA seit dem Ende des Kalten Kriegs steht. Die Schweiz wird von den USA gar nicht wahrgenommen, weder in politischer noch in wirtschaftlicher Hinsicht. Deshalb nahmen die Amerikaner in der Debatte um die Holocaust-Gelder genauso wenig Rücksicht auf unser Land wie heute im Steuerstreit mit den Banken. Die US-Administration und Politiker setzen ihre Gesetze, ihre Macht und Interessen knallhart durch und haben in beiden Fällen mehr als nur die Moral auf ihrer Seite. Die Schweizer Finanzhäuser verstiessen zumindest teilweise gegen US-Recht.

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Merkwürdig ist, wie wenig bewusst dies den Schweizer Bankern und Politikern ist und wie wenig sie vom Kapitel der nachrichtenlosen Vermögen gelernt haben. Nach der milliardenschweren Wiedergutmachung 1998 lebten sie weiter in der Illusion, zwischen der Grossmacht USA und dem Kleinstaat Schweiz bestehe eine besondere Beziehung.

Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten glaubt dies heute noch. Im Online-Dossier zu den USA streicht es die «ähnlichen Werthaltungen (Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Einhaltung der Menschenrechte)» hervor, die ab dem 19. Jahrhundert das «freundschaftliche Verhältnis zwischen den beiden ‹Schwesterrepubliken›» besiegelten.

Mit dem Fall der Mauer hat die 
Schweiz den Sonderstatus verloren

Bei näherer Betrachtung entpuppt sich diese Freundschaft als verblasster Mythos. Er stammt aus einer Zeit, als die demokratischen Grundwerte die beiden Länder miteinander  verbanden. Der Zweite Weltkrieg war eine erste ernsthafte Belastung für die schweizerisch-amerikanischen Beziehungen. Die USA taten sich schwer mit der Schweizer Neutralität. Während des Kalten Krieges handelten die USA ganz pragmatisch und nutzten diese als nützliche Plattform in der Ost-West-Konfrontation.

Mit dem Fall der Mauer 1989 änderte sich die geopolitische Lage fundamental – und damit der Stellenwert der Schweiz. Das liberale und freiheitliche Modell setzte sich durch, der Sonderfall Schweiz hatte ausgedient. Die USA betreiben seither ihre Interessenpolitik und diktieren der Welt ihre Regeln.

Kommt hinzu, dass der Bundesrat seinen vermeintlichen Freund 2006 brüskierte. Die USA waren bereit, über ein Freihandelsabkommen zu diskutieren. Aber die Agrarlobbyisten in der Regierung pfiffen den damaligen Volkswirtschaftsminister Joseph Deiss zurück. Jenseits des Atlantiks sorgte das für Kopfschütteln.

Die Schweiz muss akzeptieren, dass der Alleingang in der globalisierten Welt schmerzhaft ist. Die beiden Wirtschaftsmächte USA und EU verfolgen ihre eigene Agenda, oft ohne Rücksicht auf Drittstaaten. Die Schweiz erfährt dies schmerzhaft mit dem Bankgeheimnis, dem Steuerstreit und den bilateralen Verträgen mit der EU. In der Realpolitik gibt es keine Freunde, sondern nur Interessenvertreter. Das muss unser Land nun bitter erfahren.