1. Home
  2. Politik
  3. Schweizer Grundeinkommen: US-Medien sind angetan

Vorstoss
Schweizer Grundeinkommen: US-Medien sind angetan

Die Schweiz löst eine Diskussion aus. Renommierte amerikanische Zeitungen wie die «New York Times» berichten grossflächig über die Initiative für ein Grundeinkommen – und das überraschend positiv.

Von Mathias Ohanian
am 13.11.2013

Über 126'000 gültige Unterschriften wurden binnen weniger Wochen gesammelt – genug für eine Volksabstimmung über das bedingungslose Grundeinkommen. Die Initianten des Vorstosses verlangen für jeden Bürger einen Lohn, welcher «der ganzen Bevölkerung ein menschenwürdiges Dasein und die Teilnahme am öffentlichen Leben ermöglicht». Ziel ist eine Summe von 2500 Franken pro Monat – egal, ob man arbeitet oder nicht, egal ob reich oder nicht.

Nicht nur in der Schweiz wird der Vorstoss bereits heftig diskutiert. Inzwischen findet das Thema dank dem überraschenden Erfolg der Initianten in vielen angelsächsischen Medien Beachtung. Die «New York Times» widmete sich der Initiative am Wochenende grossflächig – und die Berichterstattung fiel überraschend wohlwollend aus. Einer der Hauptinitianten – der in Deutschland geborene Künstler Enno Schmidt – kommt im Blatt zu Wort. Er glaubt, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen armen Menschen ein Leben mit Würde und Sicherheit ermöglichen könnte. 

Studie: Highschool-Abschlüsse steigen mit Grundeinkommen

Auch eine Gesundheitsökonomin wird zitiert. Laut Evelyn Forget hätten Studien gezeigt, dass Familien im Rahmen eines Projekts, bei dem monatliche Einkommensschecks garantiert wurden, der Armut entfliehen konnten. Überraschend sei jedoch gewesen, dass der Anteil der Highschool-Abschlüsse zugenommen habe. Klinikaufenthalte gingen zurück. Die kanadische Regierung führte diese Versuche im Jahr 1974 mit 1000 armen Familien in Dauphin, Manitoba, durch. Die Kosten eines bedingunslosen Grundeinkommens werden zwar von der «New York Times» nicht konkret erwähnt, jedoch als möglicherweise geringer als befürchtet beschrieben.

Andere US-Medien sind zwar zurückhaltender, aber keineswegs sonderlich kritisch. Das Wirtschaftsportal «Business Insider» hält die Idee vom Grundeinkommen noch «verrückter» als 1:12, worüber am 24. November abgestimmt wird. Es führte ein Interview mit dem Initianten Daniel Straub und fragte ihn ungläubig, warum in der wohlhabenden Schweiz überhaupt ein solcher Vorstoss möglich sei. Dessen Antwort: «Die Schweiz hat unglaubliche materielle Ressourcen. Aber wir nutzen sie nicht klug. Viele Menschen sind gestresst und es gibt viel Angst.»

Der Vorstoss ist nicht neu

In einem am gestrigen Dienstag veröffentlichten Artikel betont die «International Business Times», dass der Vorschlag für ein Grundeinkommen keineswegs neu sei. Bereits 1795 habe sich ein gewisser Thomas Paine für einen nationalen Fonds ausgesprochen. Auch auf Milton Friedman wird verwiesen, der in den 1960er-Jahren für eine negative Einkommenssteuer plädierte – um Menschen davor zu bewahren, dass sie unter eine bestimmte Einkommensschwelle fallen.

Dass US-Medien das Schweizer Thema Grundeinkommen so spannend finden, liegt an der Entwicklung in den USA selbst. Die wirtschaftliche Ungleichheit in der grössten Volkswirtschaft der Welt ist höher als in jedem anderen grossen entwickelten Land. Weite Teile der unteren Einkommensschichten sind verschuldet, seit vielen Jahren legen die Reallöhne kaum noch zu. Die Unzufriedenheit wächst zudem, weil der Arbeitsmarkt nicht richtig in Schwung kommen will.

«Nicht so verrückt wie es zunächst klingt»

Entsprechend kommt auch in der «International Business Times» ein wohlwollender Akademiker zu Wort. Die Idee sei «nicht so verrückt wie sie zunächst klingt», so Karl Widerquist von der Uni Georgetown. «Die Idee ist, den Menschen einen Einkommensboden zu geben, dass das Einkommen nicht bei Null startet.»

Anzeige