Die Abstimmungsschlappe zu Managed Care beschäftigt die Schweizer Tageszeitungen. Das sind die wichtigsten Stimmen zum Nein des Volkes gegen die Revision des Krankenversicherungsgesetzes:

TAGES-ANZEIGER: Das Verhalten der Patienten direkt beeinflussen zu wollen, ist nach dem gestrigen Verdikt für längere Zeit unmöglich. Hingegen sollten die Gesundheitspolitiker auf das Geschäftsgebaren der Kassen einwirken, wie dies auch die gescheiterte Reform mit dem besseren Risikoausgleich wollte - das Volk hat sicher nicht wegen dieses Teils des Pakets Nein gesagt. ... Sobald die von Risikoselektion lebenden Billigkassen vom Markt verschwunden sind, werden Ärztenetze durch unschlagbare Prämienrabatte für das Publikum attraktiver - durch Prämienrabatte, die sie aufgrund echter Einsparungen dank koordinierter Behandlung anbieten können.

NZZ: Das Verdikt des Volkes bedeutet nicht, dass nun alles beim Alten bleiben kann. Es ist ein Signal an die Akteure des Gesundheitswesens, gestützt auf wettbewerblichen Antrieb innovativ zu werden. Integrierte Versorgungsnetze benötigen den Staat nicht. Sie sind vielmehr von Ärzten und Kassen den Versicherten als gute Versorgungsmodelle anzubieten. Damit aber auch Chronischkranke Aufnahme finden, müssen die rechtlichen Grundlagen für eine Verfeinerung des Risikoausgleichs zwischen den Kassen rasch verabschiedet werden.

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BERNER ZEITUNG: Zum Glück wird das Nein nicht dazu führen, dass das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird. In den gestrigen Reaktionen wurde nämlich die Notwendigkeit der integrierten Versorgung betont. Managed Care - von vielen Ärzten bereits praktiziert und von Versicherten nachgefragt - wird sich weiter durchsetzen. Das werden Hausärzte merken, wenn sie ihre Praxis Nachfolgerinnen und Nachfolgern übergeben wollen, die eine Arbeit im Team, im Netzwerk oder eine Teilzeitanstellung suchen. Vor allem aber sollen Patienten, die an mehreren Krankheiten leiden oder chronisch krank sind, vermehrt von koordinierten Behandlungen und Behandlungswegen profitieren, welche Ärzte gemeinsam angelegt haben.

SÜDOSTSCHWEIZ: Es ist ein Totalabsturz. Anders kann man es nicht sagen. Seit 1952 gab es für eine Behördenvorlage nicht mehr so viel Schelte vom Stimmvolk wie gestern, als drei Viertel der Schweizerinnen und Schweizer die Managed-Care-Vorlage versenkten. Eine Vorlage, an der Bundesbern zehn Jahre gewerkelt hatte. Viel Zeit für eine Revision, vielleicht zu viel. Denn trotz aller Schuldzuweisungen an habgierige Chirurgen und verstockte Sozialdemokraten ist offensichtlich, dass Parlament und Bundesrat es in diesen zehn Jahren nicht geschafft haben, eine Vorlage zu präsentieren, die das Volk überzeugt. Sie hatte den falschen, weil unverständlichen, Namen und war so kompliziert, dass sich einfach nicht vermitteln liess, was das Ganze bringt.

ST. GALLER TAGBLATT: Für künftige Reformen in der Gesundheitspolitik ist das Nein zu Managed Care denn auch ein schlechtes Zeichen. Zwar werden sich die Ärztenetzwerke längerfristig so oder so durchsetzen. Um das Kostenwachstum zu bremsen, dürften vorerst aber bloss kleinere, rückwärtsgewandte Massnahmen wie die Wiedereinführung des Zulassungsstopps für Spezialärzte mehrheitsfähig sein. Doch ohne echte Reformen werden die Prämien der Kassen jeden Herbst weiter steigen.

(chb/sda/laf)