Das neueste Ranking der Lausanner Kaderschmiede IMD führt die Schweiz auf dem zweiten Platz der wettbewerbsfähigsten Länder der Welt. Noch besser schneidet das Land im Urteil des Weltwirtschaftsforums in Genf als Tourismusstandort ab. Seit mehreren Jahren ist die Schweiz die Nummer eins von 140 untersuchten Ländern der Welt. Selbst touristische Schwergewichte wie Frankreich, Spanien, die USA oder China hält das Land locker auf Distanz.

Lobgesänge renommierter Organisationen tun der gebeutelten Schweizer Touristikerseele gut. Trotz anhaltend hohen Preisen, oft miesem Wetter und seit Jahren unerfreulichen Wechselkursen sind wir nach wie vor die Besten. Nur – stimmt diese Einschätzung wirklich? Hält die Schweiz, was die am Schreibtisch erstellten Rankings und Indikatoren versprechen?

Vom Nachttisch grüsst
der Telefonrundspruch

Bestensfalls zum Teil. Wer die Probe aufs Exempel macht und sich Ferien in der Schweiz leistet, kommt allzu oft auf die Welt. Die überragende und von Cheftouristiker Jürg Schmid gern zitierte «Erlebnisqualität» kontrastiert mit der vorhandenen Hotel-Hardware. Es ist wie in einem gut programmierten Kino mit durchgesessener Bestuhlung. Eiger, Mönch und Jungfrau sind Weltklasse, die Hotels und Pensionen müder Durchschnitt.

In den meisten der 5000 Beherbergungs-betriebe im Land möchte man jedenfalls nicht absteigen. Es sei denn, man sei ein Fan der 1970er-Jahre. Während selbst auf der abgelegensten Insel Thailands in den Zimmern der Resorts grosse Flachbildschirme samt DVD-Spieler Standard sind, grüsst in der Schweiz fast noch der Telefonrundspruch vom Nachttisch. Und wenn das Zimmer stylish renoviert worden ist, sitzt der Gast mit einiger Wahrscheinlichkeit in einem abgetakelten Speisesaal. Denn für eine Komplettsanierung fehlt den Hoteliers meist das nötige Kapital. Sogar in touristischen Hochburgen wie Interlaken, Arosa oder Davos ist der Zustand vieler Hotels ausserhalb der Luxusklasse vornehm formuliert überraschend bescheiden. Ein winziges Bad mit halb antiken Armaturen und mattbeigen Spültischen ist heute schlicht nicht mehr standesgemäss. Zumal hierzulande auch sehr kommune Doppelzimmer 200 Franken und mehr kosten – ausserhalb der Saison.

Lamentieren über einen Markt

Die fundamentalen Probleme in der Hotellerie sind längst erkannt. Tourismusprofis beklagen die teils desolaten Zustände seit bald 20 Jahren. Doch in vielen Tourismusregionen der Schweiz ist wenig passiert – abgesehen von -einigen sinnlosen Spielchen.

Im schlagzeilenträchtigen «Krieg der Sterne» bekämpften sich die grossen Verbände Gastrosuisse und Hotelleriesuisse während Jahren gegenseitig. Als ob sich Gäste heute noch anhand komplizierter Sterne-Klassifizierungen orientieren. Im Zeitalter von TripAdvisor und HolidayCheck kann sich jeder Gast ein ungeschöntes Bild über die Klasse eines Hauses machen – die Masse irrt diesbezüglich selten. Kurz danach legte sich die hiesige Hotellerie mit Internet-Buchungsportalen wie Booking.com oder Hotels.com an. Statt sich darüber zu freuen, via die globalen Riesen Zugang zum Weltmarkt zu bekommen, beklagten sich helvetische Branchenvertreter lautstark über die unverschämten Margen, welche die internationalen Konzerne abzwacken würden. Man investierte viel Geld in ein eigenes Buchungsportal, dessen Chancen am Markt von Beginn an minimal waren. Zu übermächtig war die Konkurrenz in zu kurzer Zeit geworden.

Touristisch ist die Welt heute für fast jedes Haushaltsbudget ein Dorf. Grindelwald, Murten und Wildhaus stehen in direktem Wettbewerb zu Sharm el Sheikh, Rio de Janeiro und Kathmandu. Teures Mittelmass ist in diesem Kampf für die Schweiz keine Option.

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