Die Vorwürfe sexueller Übergriffe gegen britische Politiker nehmen zu. Als vorerst letzte Opfer äusserten am Dienstag zwei Frauen schwere Anschuldigungen. Eine Labour-Aktivistin warf einem Parteimitglied Vergewaltigung vor. Eine weitere Frau sagte, sie sei von einem Abgeordneten sexuell belästigt worden.

Bex Bailey, ein ehemaliges Mitglied des Labour-Parteipräsidiums, sagte im BBC-Radio, sie sei mit 19 Jahren bei einer Parteiveranstaltung im Jahr 2011 vergewaltigt worden. Aus Scham und Furcht habe sie keine Anzeige erstattet. Zwei Jahre nach dem Verbrechen habe sie sich einem führenden Parteivertreter anvertraut. Dieser habe ihr nahegelegt, nicht mehr darüber zu reden. Das könne ihrer Karriere «schaden». Bei dem mutmasslichen Vergewaltiger handele es sich um ein ranghohes Parteimitglied.

«Keine Toleranz für Sexismus, Belästigung oder Missbrauch»

Labour-Parteichef Jeremy Corbyn nannte Baileys Äusserungen mutig und kündigte eine unabhängige Untersuchung der Vorwürfe durch die Partei an. «In der Labour-Partei wird es keine Toleranz für Sexismus, Belästigung oder Missbrauch geben», schrieb Corbyn bei Facebook.

Nach Veröffentlichungen über mutmassliche sexuelle Belästigungen durch mehrere Abgeordnete hatte der britische Parlamentspräsident John Bercow am Montag «Null Toleranz» für derartiges Verhalten gefordert. Bercow sprach von «beunruhigenden» Vorwürfen.

Liste von 40 Abgeordneten

Laut Medienberichten soll in Westminster eine Liste mit den Namen von rund 40 Abgeordneten kursieren, darunter sechs Minister, denen sexuelle Belästigung nachgesagt wird. Die Debatte kam ins Rollen, nachdem der Aussenhandels-Staatssekretär Mark Garnier einräumte, er habe seiner Sekretärin den Kauf von Vibratoren aufgetragen. Premierministerin Theresa May hatte am Sonntag einen strengeren Verhaltenskodex für Abgeordnete gefordert.

Eine weitere Frau erhob am Dienstag Vorwürfe der sexuellen Belästigung gegen einen Abgeordneten. Der Politiker habe sie während einer Auslandsreise genötigt, sich aufs Bett zu setzen, sie schliesslich «auf das Bett gestossen» und ihre Schulter festgehalten. Dann habe er «versucht, mich zu küssen», sagte die Frau dem Sender ITV. Obwohl sie nach dem Vorfall zur Polizei gegangen sei und auch der Parlamentsverwaltung davon berichtet habe, sei nichts passiert. Die Polizei befragte laut ITV den Politiker, der alles abgestritten habe. Weil der mutmassliche Übergriff zudem im Ausland stattgefunden habe, sei nichts weiter unternommen worden.

(sda/me/mbü)

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