Zauberwürfel Xherdan Shaqiri gibt auch neben dem Platz Gas. Ist der Fussballsöldner mal in der Schweiz, geht er gerne in einem 500-PS-Boliden von Aston Martin auf Spritztour. Noch im Dress der Bayern rührte Shaqiri die Werbetrommel für Lamborghini. Und ins Nati-Camp fliegt der Fussballsöldner auch mal mit dem clubeigenen Privatjet.

Jetzt hat Shaqiri einen neuen Werbe­vertrag: Er tritt als Ambassador für die «Energy Challenge» des Bundes auf. Mit der gross angelegten Kampagne will der Bund die Bevölkerung zum Energiesparen animieren. Shaqiris Hang zu schnellen Autos stellt für die Werbeprofis von Energieministerin Doris Leuthard kein Hindernis dar. Im Gegenteil: Mit der Kampagne will der Bund demonstrieren, dass Energieeffizienz und erneuerbare Energien auch zu aufwen­digeren Lebensstilen passen.

«Krampfhafte Verzichtslebensstile sind nicht zugelassen», heisst es im Konzept des Bundes. Shaqiris Wahl als Botschafter ist das eine, doch Kritiker monieren noch ganz andere Dinge an Leuthards Werbeoffensive: Von «Behördenpropaganda» ist die Rede, von «Manipulation» und der «Verschleuderung von Steuergeldern».

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Energiewende soll an sozialer Akzeptanz gewinnen

8 Millionen Franken wirft das Bundesamt für Energie (BFE) im Verbund mit Swisscom, Ikea und anderen Firmen auf, damit die Energiewende endlich auch in der Bevölkerung «an sozialer Akzeptanz gewinnt». Gar zum «Volkssport» soll es werden, «die politischen Ziele der Energiewende zu erreichen oder zu übertreffen». Dazu baut der Bund in neun Städten Energie-Villages auf und lässt deren Bewohner gegeneinander antreten. Für den Strom soll das Publikum sorgen, das sich auf Hometrainern abstrampelt.

Die Roadshow mit Prominenten ist ­dabei nur eine Initiative von vielen, mit der Bundesrätin Leuthard Bevölkerung und Wirtschaft die von ihr angestrengte Energiewende schmackhaft machen will. Mit dem Programm Energieeffizienz in KMU (PEIK) baut der Bund eine Art «Darge­botene Hand» für Firmen auf, die diesem beim Energiesparen helfen soll. 3,2 Millionen Franken lässt sich EnergieSchweiz, Leuthards «Sprachrohr einer nachhaltigen Energiezukunft», die subventionierten Energieberatungen jährlich kosten – und nimmt damit in Kauf, dass bereits vorhandene Angebote von Wirtschaftsverbänden, Firmen und Kantonen konkurrenziert ­werden. Wollen private Anbieter von den Fördergeldern profitieren, haben sie keine andere Wahl, als sich der staatlichen Plattform anzuschliessen.

Angeworfen hat das Bundesamt für Energie die Propagandamaschine, noch bevor die Energiestrategie 2050 im Parlament unter Dach und Fach ist. Im Herbst, wenn sich voraussichtlich die Frage nach einem Referendum stellt, steuert die «Energy Challenge» mit ihren Werbeak­tivitäten auf den Höhepunkt zu. Daniela Bomatter, Geschäftsführerin von EnergieSchweiz, sieht darin kein Problem: «Wir sprechen nie über die Energiestrategie, sondern informieren lediglich über Energieeffizienz und erneuerbare Energien.»

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Referendumsfrage noch offen

Eine Aussage, die Fragen aufwirft. Letzten Herbst schrieb EnergieSchweiz die 3 Millionen-Kampagne «Wir bauen Energiezukunft» aus. Im Konzept dazu wird das «Schaffen von polit-gesellschaftlicher Akzeptanz für die Energiestrategie 2050» als Ziel genannt – auch wenn das Parlament diese noch nicht abgesegnet hat.

Entsprechend unwirsch reagieren Kritiker der Energiestrategie 2050. «Es ist offensichtlich, dass es Bundesrätin Leuthard darum geht, die Bevölkerung von der Energiestrategie zu über­zeugen», erklärt FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen. Auf Distanz geht auch Economie­suisse: «Die grossen Kampagnen des Bundes kommen zur Unzeit», sagt Kurt Lanz, Energieverantwortlicher beim Verband. Die Schlussberatung der Energiestrategie sei noch am Laufen und die Re­feren­dums­frage noch offen. «Dass der Bund da gleichzeitig mit einer so grossen Kampagne einfährt, ist manipulativ.»

Subventionierte KMU-Beratung

Nicht weniger eckt das Programm Energieeffizienz in KMU in der Wirtschaft an. Mit der Energie-Agentur der Wirtschaft (EnAW) besteht bereits eine Organisation, bei der über 3000 Firmen eine Zielvereinbarung abgeschlossen haben, um Strom zu sparen, darunter auch fast 1000 KMU. Jetzt versucht der Bund, sich einen Teil der Arbeit dieser Initiative der Wirtschaft mit einem subventionierten Beratungsangebot einzuverleiben – finanziert mit Steuergeldern.

Zugleich unterminiert der Bund mit dem PEIK andere von ihm angestossene Initiativen wie die Cleantech-Agentur (act), die ebenfalls solche Energieeffizienz-Programme anbieten. Entsprechend kritisch fällt das Urteil bei den Wirtschaftsverbänden aus, die als Träger der EnAW fungieren: «Mit seinem Programm versucht der Bund, die KMU mit subventionierten Beratungen zum Glück zu zwingen», sagt Economiesuisse-Mann Lanz. Dieser Ansatz werde nicht funktionieren.

Beim Programm des Bundes erhalten KMU eine kostenlose telefonische Beratung. In einem zweiten Schritt wird den Firmen nach einer ganz- oder halbtägigen Überprüfung vor Ort eine Liste diverser Einsparmöglichkeiten präsentiert. «Solche Instant-Beratungen bringen nichts. Der Bund ist naiv, wenn er glaubt, damit die KMU zu erreichen», sagt dazu auch Henrique Schneider vom Gewerbeverband. Viel eher könnten die KMU vom Energiesparen überzeugt werden, wenn die bestehenden Programme vereinfacht würden und die KMU stärkere Anreize zur Senkung des Energieverbrauchs erhielten. Dies etwa, indem die Mindestanforderungen für die Befreiung von der CO2-Abgabe oder die Rückerstattung des KEV-Zuschlags gesenkt würden.

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«Keine Konkurrenzierung»

BFE-Sprecherin Marianne Zünd stellt derweil in Abrede, dass eine Konkurrenzierung der bestehenden Angebote durch das PEIK stattfinde. In der vorgesehenen Vorgehensberatung würde den interessierten KMU aufgezeigt, welche Energieberatungen sich für sie am besten eignen würden, darunter private Angebote und die bereits existierenden Angebote der EnAW. «Auch diese Organisationen werden letztlich vom PEIK profitieren können.»