Am Montagmorgen um 6 Uhr sahen sich Griechenlands Premier Alexis Tsipras und die deutsche Kanzlerin Angela Merkel in einer Sackgasse. Nach allen Zugeständnissen für Privatisierungen und Sparmassnahmen, die der Grieche gemacht hatte, war ein Punkt erreicht, wo er nicht mehr weitergehen konnte. In der entscheidenden Frage des Treuhänderfonds zur Absicherung der Privatisierung von griechischem Staatseigentum wollte er seine «rote Linie» ziehen. Das berichtet die «Financial Times» unter Berufung auf verschiedene Teilnehmer an den Verhandlungen.

Nach 14 Stunden Verhandlungsmarathon hätten Tsipras und Merkel beschlossen, dass ein Kompromiss ausser Reichweite liege. Die Kanzlerin wollte den erwarteten Erlös aus den Privatisierungen – immerhin erhoffte 50 Milliarden Euro – alleine für die Rückzahlung der griechischen Schulden einsetzen. Für den Premier dagegen wäre dies die ultimative Demütigung gewesen. Ihm schwebte ein kleinerer Fond vor, der die Erträge im Inland reinvestieren würde.

«Sie werden auf keinen Fall diesen Raum verlassen»

Als Merkel und Tsipras aufgeben wollten, versperrte ihnen Donald Tusk die Tür. «Es tut mir leid, aber Sie werden auf keinen Fall diesen Raum verlassen», soll der Präsident des Europäischen Rates den beiden Regierungschefs gesagt haben. Und tatsächlich setzten sich die beiden nochmals hin und erreichten eine Stunde später die lang ersehnte Einigung, die den Grexit – zumindest vorerst – nochmals abwenden konnte.

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Wie knapp die Eurozone an der Katastrophe vorbeigeschrammt ist, kann im Moment nur schwer festgestellt werden. Doch es ist klar, dass während den zermürbenden Verhandlungen des Wochenendes mehrmals die Option Grexit auf dem Tisch lag. Wie die «Financial Times» berichtet, glaubte eine Mehrheit der Finanzminister nach den fruchtlosen Verhandlungen vom Samstag nicht mehr an einen Verbleib Griechenlands in der Währungsunion. Und auch Wolfgang Schäubles Vorschlag eines «temporären» Grexit war offenbar ernster gemeint, als es zunächst den Anschein machte.

François Hollande auf Seiten der Griechen

Die deutsche Seite hätte ziemlich stark für den Grexit plädiert, sagte Frankreichs Präsident François Hollande nach den Verhandlungen gegenüber Reportern. «Ich widersetzte mich dieser Lösung.» Gerade beim Privatisierungsfonds soll Hollande die griechische Seite gegen den Druck aus Deutschland und Verbündeten wie Finnland unterstützt haben. Er habe sich gegen die «Demütigung» und für die «Souveränität» Griechenlands eingesetzt, so Hollande, in dessen Land man befürchtet, bald ebenfalls ins Visier der europäischen Sparpolitiker zu geraten.

Überhaupt seien die Verhandlungen «extrem hart» gewesen, so die Teilnehmer laut «FT». Viele Leute hätten die Gelegenheit genutzt, ihrer Wut Luft zu machen. So sind offenbar Wolfgang Schäuble und Mario Draghi aneinandergeraten, als sich der deutsche Finanzminister durch den Chef der EZB bevormundet gefühlt habe. «Ich bin kein Idiot», soll Schäuble gegiftet haben. Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem unterbrach die Sitzung laut Bericht daraufhin sogar, damit sich die Gemüter wieder etwas abkühlen konnten.

Weit härter als vor dem Referendum

Wer am Ende gewonnen hat, ist für die meisten Beobachter klar. Zwar gelang es nicht, die Griechen aus der Eurozone zu drängen. Alexis Tsipras hat aber – den drohenden Grexit vor Augen, den sein Volk nicht will – in fast allen Punkten nachgegeben. Herausgekommen sind Spar- und Zwangsmassnahmen, die weit über die Forderungen hinausgehen, welche die Griechen im Referendum abgelehnt haben. Tsipras muss das Land nach dem Willen der Geldgeber grundlegend umbauen und dafür etliche Wahlversprechen brechen. Morgen soll das Parlament in Athen entscheiden.

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Immerhin wurde auf Drängen von Frankreichs Präsident Schäubles Passage mit dem temporären Grexit aus dem Schlussdokument gestrichen. Doch unter dem Strich stehen den Griechen ganz harte Zeiten bevor. «Sie haben Tsipras da drin gekreuzigt», drückte es ein Teilnehmer an den Verhandlungen aus. «Gekreuzigt!»