Wird Singapur die neue Schweiz? Für Steuersünder in aller Welt ist dies derzeit eine brennende Frage. Denn die international unter Druck geratene Alpenrepublik muss ihr Bankgeheimnis aufweichen, die traditionsreichen Schweizer Geldhäuser stehen am Pranger. Öffnet nun also Singapur den Steuerflüchtigen die Tore und steigt zum Schwarzgeld-Paradies auf?

Doch genau diesen Eindruck will der südostasiatische Stadtstaat vermeiden, abgeschreckt durch die harten Attacken gegen die Schweiz. Er nimmt vielmehr die heimischen Banken an die Kandare. Finanzprofis gehen davon aus, dass die Institute so manchen Kunden samt Geldkoffer vor die Tür setzen.

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Pflicht zur Meldung von Steuerbetrug kommt

Strikte Kontrollen der Banken gibt es in Singapur bereits im Kampf gegen Kriminalität. Sie gelten etwa Vermögen aus illegalem Handel und Korruption. Eine Pflicht zur Meldung von Steuerbetrug galt - anders als im rivalisierenden Finanzzentrum Hongkong - dagegen bislang nicht. Das soll sich jetzt ändern, nachdem vor allem europäische Länder Alarm schlugen.

Bis zur Jahresmitte müssen alle Finanzhäuser in Singapur verdächtige Konten, die auf Steuerhinterziehung hindeuten, auflisten und notfalls kündigen. Geprüft wird dabei etwa, ob Kunden sich verschachtelter Firmengeflechte bedienen oder nahezu ihr gesamtes Vermögen in Singapur bunkern, obwohl sie dort über keine sonstigen Kontakte verfügen. Ab Juli soll es dann allen Banken an den Kragen gehen, die Steuerbetrug Vorschub leisten oder zu lasch kontrollieren. Es drohen harte Strafen, die bis zum Lizenzentzug reichen.

Heikler Balanceakt

Vorangegangen sind fast 40 Abkommen mit anderen Ländern zum Austausch von Steuer-Informationen in den vergangenen Jahren. Dies hat das Image Singapurs bereits etwas aufpoliert. Der Stadtstaat verschwand 2009 von der sogenannten Grauen Liste der Organisation für Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD). Darauf sind Länder aufgeführt, die in Steuerfragen nicht ausreichend mit dem Ausland kooperieren.

Die neue Politik gegen Steuervergehen stellt Singapur vor einen heiklen Balanceakt. Einerseits will es nicht als Zuflucht der Fiskusbetrüger geächtet werden, andererseits aber auch nicht seinen Ruf als Oase für die Reichen der Welt verlieren, die mit zahlreichen Spielkasinos und Luxusattraktionen angelockt werden. In Singapur wurden Ende 2011 Vermögenswerte über mehr als eine Billion Dollar verwaltet, über 70 Prozent davon kamen aus dem Ausland.

Damit steht das Land mit der weltweit höchsten Millionärsdichte in der Rangliste der Offshore-Finanzplätze derzeit auf Platz vier. Nach Berechnungen der Marktforscher von WealthInsight könnte Singapur die Schweiz bis 2020 auf der Spitzenposition ablösen.

Dass das härtere Vorgehen gegen Steuersünder zum Eigentor wird, erwartet die heimische Bankenlobby nicht. «Robustere Rahmenbedingungen gegen illegale Geldflüsse sind ein Ansporn für Singapur», sagt der Deepak Sharma vom Verband der Banken, die auf besonders reiche Kunden spezialisiert sind. «Ich glaube, Singapurs Grösse und Ruf als sauberes und effizientes Finanz-Drehkreuz werden zunehmen.»

Dass man auch in Singapur auffliegen kann, bekam jüngst der wegen eines Geheimkontos zurückgetretene französische Haushaltsminister Jerome Cahuzac zu spüren, der Medienberichten zufolge sein Geld von der Schweiz in den Stadtstaat transferiert hatte. Kunden wie Cahuzac werden dort künftig weniger willkommen sein. «Viele dieser Konten haben uns Berge von Geld gebracht über die Jahre», erzählt ein Banker. «Jetzt haben wir zu entscheiden, ob wir diese Beziehung beenden müssen», betont er: «Die guten alten Zeiten in Singapur sind vorüber. Wir brauchen dieses dreckige Geld nicht mehr.»

(vst/aho/reuters)