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Affäre
Spionageaffäre: Hintergründe zum «Doppelagenten»

Steuer-CD: Der verhaftete Spion arbeitete nicht nur für den NDB. Keystone

Der 54-jährige Schweizer, der in Deutschland verhaftet wurde, arbeitete früher für die UBS. Eine Story in der «Bilanz» ging seiner Geschichte schon 2015 nach.

Von Gabriel Knupfer
am 03.05.2017

Am Freitag wurde der 54-jährige Schweizer Daniel M. in einem Hotel in Frankfurt festgenommen. Der Verdacht: M. soll für den Schweizer Nachrichtendienst (NDB) deutsche Steuerfahnder ausgespäht haben. Im Fall eines Schuldspruchs drohen M. bis zu fünf Jahre Haft wegen Spionage gegen Deutschland für eine «fremde Macht». Doch die Geschichte ist komplex.

Die deutsche Zeitung «Bild» nannte M. einen «Doppelagenten». Tatsächlich war der ehemalige UBS-Banker M. einst selbst im Geschäft mit Steuerdaten tätig, wie das Wirtschaftsmagazin «Bilanz» schon 2015 schrieb. Bis 2010 war M. Direktor im Sicherheitsdienst der Grossbank. In dieser Funktion beschützte er das Topmanagement der UBS. Nach seinem Ausscheiden im Jahr 2010 verlegte er sich auf ein anderes Geschäftsfeld: Den Handel mit Kundennamen, Kontonummern und Kontosaldi.

Verhängnisvolle Gespräche

In einem Dossier eines deutschen Privatdetektivs, welches der Bundesanwaltschaft zugespielt wurde, werden mehrere Gespräche zwischen M. und dem deutschen Journalisten Wilhelm Dietl beschrieben. Dietl selbst war 2006 als Agent des deutschen Geheimdienstes (BND) enttarnt worden. In seiner neuen Funktion – laut «Bilanz» wohl als «geheimer Mitarbeiter» des Privatdetektivs – kaufte Dietl Daten von M.. Dieser nutzte als nunmehr selbstständiger Unternehmer seine zahlreichen Verbindungen ins Geheimdienstmilieu um an die Kontoinformationen zu kommen.

2015 wurde M. vor dem Hotel Savoy am Paradeplatz verhaftet. In den Einvernahmen zeigte sich der Beschuldigte laut «Bilanz» überaus kooperativ und umgänglich, schliesslich verstand der Ex-Polizist das Geschäft der Ermittler. Ms Verteidiger, der Zürcher Anwalt Valentin Landmann, sah bei seinem Klienten nur eine geringe Schuld: «Es stellt sich vielmehr die Frage, ob jemand im Rahmen einer Agent-Provocateur-Aktion zum wirtschaftlichen Nachrichtendienst angestiftet hat.»

2013 vom NDB angeworben

Doch das ist nicht alles: Daniel M. hatte eine weitere Überraschung für die Ermittler parat. Er war im Laufe des Jahres 2013 als Agent des NDB im Einsatz, um Informationen über deutsche Steuerfahnder in Nordrhein-Westfalen zu beschaffen. Er sollte die Beamten auskundschaften, um Hintergründe über deren illegale Datenkäufe zu recherchieren. Für diese Aufgabe wurde er in einer konspirativen Wohnung des NDB trainiert, mit präpariertem Handy und verschlüsseltem Laptop ausgerüstet.

Diese Informationen blieben offenbar auch den deutschen Behörden nicht verborgen. Seine Aussagen nach der Verhaftung in der Schweiz dürften M. nun zum Verhängnis geworden sein. Mit Folgen: Am Dienstagnachmittag wurde die Schweizer Botschafterin in Berlin vom deutschen Aussenministerium einberufen: Die Bundesregierung verlangt Aufklärung. Für den NDB und nicht zuletzt für Verteidigungsminister Guy Parmelin, der sich gestern nicht zu der Verhaftung äusserte, ist dies eine ziemlich peinliche Situation – die noch lange nicht ausgestanden sein dürfte.

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