Der gestürzte chinesische Spitzenfunktionär Bo Xilai hat vor Gericht eine Mitverantwortung am Mordskandal um seine Frau eingeräumt. Er sei nicht richtig mit den Mordvorwürfen gegen sie umgegangen, sagte er.

«Ich schäme mich», betonte der 64-Jährige am dritten Prozesstag laut Verhandlungsprotokollen des Gerichts im ostchinesischen Jinan. Entgegen der Vorwürfe der Anklage habe er jedoch nicht seine Macht als Parteichef der 30-Millionen-Metropole Chongqing genutzt, um die Mordtat seiner Frau zu vertuschen.

Kämpfer gegen organisiertes Verbrechen

Der Politkrimi um Mord, Korruption und Gier hält China seit mehr als einem Jahr in Atem. Im November 2011 wurde der 41-jährige Brite Neil Heywood tot in einem Hotelzimmer gefunden. Damals hiess es, er sei an übermässigem Alkoholkonsum gestorben.

Bo erzählte nun, am 28. Januar 2012 habe sein Polizeichef Wang Lijun ihm gegenüber eine Verantwortung von Gu Kailai für den Tod Heywoods angedeutet: «Ich habe gedacht, dass Gu Kailai so eine zerbrechliche Person ist, die niemals einen Mord begehen könnte.»

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Wang und Bo waren lange enge Vertraute und stilisierten sich in Chongqing als Kämpfer gegen das organisierte Verbrechen. Anfang 2012 überwarf sich der 53-jährige «Super-Bulle» mit Bo Xilai.

Aus Angst um sein Leben flüchtete Wang Lijun in ein US-Konsulat, wo er über den Mord und andere Machenschaften auspackte. Im September 2012 wurde er wegen Korruption, Fahnenflucht und Amtsmissbrauchs zu 15 Jahren Haft verurteilt. Gu Kailai wurde wegen Mordes im August 2012 zu einer Todesstrafe auf Bewährung verurteilt.

Heftiger Streit mit Polizeichef

Bo erzählt weiter, dass er seine Frau mit Wangs Vorwürfen konfrontiert habe. Die 54-Jährige habe entgegnet, Wang wolle ihr eins auswischen. Das habe er zunächst geglaubt, sagte Bo. Er habe Wang zur Rege gestellt und ihm eine Ohrfeige verpasst.

Der einstige Vertraute Wang sagte vor Gericht über die Szene: «Das war nicht nur ein Klaps. Ich merkte, dass Blut aus meinem Mund kam.» Er habe grosse Angst gehabt, berichtete Wang. Seine Mitarbeiter und andere Leute, die mit dem Fall vertraut waren, seien verschwunden. Für ihn sei klar gewesen, dass Bo den Fall vertuschen wollte.

Für Wangs Flucht in das US-Konsulat trage er eine Mitschuld, sagte Bo: «Das hatte einen Einfluss auf das Ansehen der Partei und das Land. Ich schäme mich.» Er habe den Fall nicht in Ruhe behandelt und einen falschen Entscheid getroffen: «Dafür bin ich bereit, die entsprechende Verantwortung zu tragen.»

Darüber hinaus sei ihm jedoch nichts vorzuwerfen. «Ich habe mich nicht über das Gesetz gestellt, um Gu Kailai zu schützen», sagte Bo. Er habe weder medizinische Unterlagen manipuliert noch Wang gezwungen, zu den USA überzulaufen. Er machte jedoch nicht klar, ob er an einer Verantwortung seiner Frau für den Mord zweifelt.

Urteil wohl Anfang September

Neben Machtmissbrauch wirft die Anklage dem ehemaligen Mitglied der politischen Elite Chinas auch Korruption und Unterschlagung vor. Er soll insgesamt 21 Millionen Yuan, umgerechnet 3,1 Millionen Franken, Bestechungsgeld angenommen haben.

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Bo bezeichnete jedoch die Aussagen mehrerer Geschäftsleute gegen ihn als Lügen. Auf den Bericht eines Beamten von einem angeblich verräterischen Telefongespräch Bos erwiderte der Angeklagte: «Nicht mal der dümmste Beamte würde Bestechung am Telefon besprechen.»

Der Prozess wird morgen fortgesetzt. Ein Urteil wird laut Staatsmedien für Anfang September erwartet. Beobachter sehen in dem Verfahren einen Schauprozess, mit dem die Staatsführung ihren verschärften Kampf gegen Korruption demonstrieren will. Ein Schuldspruch samt langer Gefängnisstrafe gilt als ausgemacht.

Chinesische Medien halten sich bei der Berichterstattung grösstenteils an die Vorgaben der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua, die Bos Argumente weitgehend aussen vor lässt.

(sda/jev)