Peer Steinbrück ist ein versierter Rhetoriker. Wenn der SPD-Kanzlerkandidat sechs Mal in Folge einen Satz mit denselben Worten beginnt, soll das der Aussage Gewicht verleihen.«Ich will Bundeskanzler werden in einem Land, in dem...», ruft Steinbrück am Donnerstagabend auf einer grünen Wiese im Schatten des Hamburger Michel sechs Mal seinen etwa 2500 Besuchern zu. Zum Auftakt seiner «Klartext Openair»-Tour will der 66-Jährige auch noch die letzten Zweifler überzeugen, dass er wirklich ins Kanzleramt will.

So hat es den Anschein. Doch Steinbrücks rhetorischer Kniff zielt vor allem auf Kanzlerin Angela Merkel. Ihr in den Umfragen weit zurückliegender Herausforderer möchte vermitteln, dass er eine Vorstellung davon hat, wie dieses Land aussehen soll. Die SPD wirft der Kanzlerin vor, dass sie kein Zukunftskonzept habe. «Wie keine andere Bundesregierung steht diese Bundesregierung für Stillstand und nicht für Bewegung», sagt Steinbrück. «Sie regiert dieses Land unter Wert.»

Premiere für die Klartext-Bühne

Gut sechs Wochen vor der Bundestagswahl am 22. September feiert die SPD in Hamburg Premiere für die neue Art von Grosskundgebung, mit der ihr Kanzlerkandidat in 26 Städten den Dialog mit den Bürgern auf Augenhöhe suchen will. Steinbrück will «keinen Frontalunterricht» vom Rednerpult herab erteilen. Politik soll vom Sockel geholt werden. Über ein kreisrundes Podest ist ein grosser Schirm gespannt, darunter sitzen rundherum etwa 500 Zuschauer auf Bänken. Die übrigen stehen im Aussenkreis.

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Auf dem Podest geht Steinbrück umher, spricht ohne Manuskript, wendet sich immer wieder anderen Zuhörern zu. In seinen Sätzen, die mit«Ich will Bundeskanzler werden in einem Land, in dem...» beginnen, beschreibt der SPD-Kanzlerkandidat ein Land, in dem die Gleichberechtigung von Mann und Frau nicht nur auf dem Papier stehen dürfe. In dem Bildung keine Ware, sondern ein Recht sei. In dem Menschen von ihrem Lohn leben könnten. Wo nicht die Herkunft zähle, sondern das Ziel.

Steinbrück unterstreicht damit seinen Anspruch, das Land gestalten zu wollen - einen Anspruch, den die SPD der Kanzlerin abspricht. «Ich wende mich an alle, die in und mit diesem Land noch etwas vorhaben und nicht nur abwarten wollen», sagt Steinbrück. «Wir können den Wechsel schaffen mit Rot-Grün.»

«In 45 Tagen sind wir die los»

Bei seinen Zuhörern kommt Steinbrück an, ohne dass spürbar ein Funke der Begeisterung überspringt. Er spricht ernst, dann wieder locker, selbstironisch.«Über Weinsorten lasse ich mich nicht mehr aus - vorsichtshalber», sagt er in Anspielung darauf, dass er sich mit abfälligen Äusserungen über billigen Wein in die Nesseln gesetzt hatte. Er wolle inhaltliche Politik machen.«Damit eckt man gelegentlich an», sagt Steinbrück.«Aber mit mir wissen Sie wenigstens, woran Sie sind. Wissen Sie so genau, woran Sie mit Frau Merkel sind?»

Auch mit Sprüchen punktet Steinbrück und erntet Lacher. «Noch 45 Tage und wir sind die los», sagt er über Schwarz-Gelb. Was habe diese Bundesregierung zustande gebracht, dass das Land über diese Wahlperiode hinaus präge? Die Energiewende sei die grösste Investitionsbremse, das«dämliche Betreuungsgeld» müsse wieder weg, im Internet sei Rumänien schneller als Deutschland.

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Steinbrück streift die NSA-Abhöraffäre, wirft dem CSU-Innenminister«Ergebenheitsadressen» an die USA vor,«anstatt herauszufinden, was passiert hier eigentlich mit dem Abhören in Deutschland». In der Euro-Schulden-Krise reiche es nicht,«den anderen Ländern nur die Keule vom Sparen über den Kopf zu ziehen. Dann werden sie ohnmächtig. Aber sie sollen doch langsam wieder laufen lernen», fordert Steinbrück Wachstumsprogramme und Sofortmassnahmen gegen die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Europa.

Steinbrück verspricht den gesetzlichen Mindestlohn, die Eindämmung von Leiharbeit und Werkverträgen, eine Pflegereform mit Hilfe von sechs Milliarden Euro durch eine Beitragserhöhung. Die Erhöhung der Einkommensteuer werde nur diejenigen treffen, die«als Verheiratete über 200.000 Euro» verdienten. Die Zuschauer fordert Steinbrück auf aufzustehen, wen das betreffe. Niemand rührt sich: «Na, das wird ja viel bringen.»

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Nahles: Steinbrück wirft sich rein

Der Kanzlerkandidat wirkt aufgeräumt und kämpferisch. «Er hat sich wirklich entschlossen, sich voll in die Sache reinzuwerfen», attestierte SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles ihm tags zuvor. In der SPD glaubt man zu registrieren, dass sich das Bild von Steinbrück in der Öffentlichkeit langsam wandele. Doch Ausrutscher sind schnell passiert. Als Steinbrück jüngst Merkel geringe Leidenschaft für Europa vorwarf und dies auf ihre DDR-Herkunft zurückführte, machte er anschliessend in den Medien rasch wieder«künstliche Erregungszustände» aus.

Der Parteienforscher Jürgen Falter aber warnt in den «Ruhr Nachrichten»: «Attacken gegen die Kanzlerin mobilisieren ihre Anhänger nur noch stärker.» Steinbrück sucht noch nach dem Weg, im Wahlkampf zu polarisieren, ohne dass Kritik an der in den Popularitätswerten weit enteilten Kanzlerin auf ihn zurückfällt.

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(tke/reuters)