Man bekommt schon fast Mitleid mit ihm und seiner Partei. Er passt nicht zu ihr oder umgekehrt. Jedenfalls läuft es für Peitschen-Peer schon seit Monaten nicht gut. Nur rund 30 Prozent der Deutschen sind mit der Arbeit des Kanzlerkandidaten der SPD zufrieden. Politische Beobachter erstaunt das kaum.

Peer Steinbrück verkörpert weder den klassischen Ganz-nah-an-der-Basis-Linken noch lässt er irgendein Fettnäpfchen aus. Als Redner kassierte er auch von Banken fürstliche Honorare. Dann beklagte er sich, dass sogar ein Sparkassendirektor mehr als der Kanzler verdient. Und schliesslich bezeichnete er italienische Politiker als Clowns – und das just bevor er sich mit dem italienischen Staatspräsidenten zum Essen treffen sollte. Prompt sagte der gekränkte Giorgio Napolitano den Termin kurzfristig ab.

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Die Liste der verbalen Eigentore lässt sich locker verlängern. Der selbsternannte Mister Klartext leistet sich immer wieder Ausrutscher. Davon können auch die Schweizer ein Lied singen. Seinen Ausflug in die Welt des Westerns nehmen ihm die eidgenössischen Indianer bis heute übel. Ihnen drohte Steinbrück einst mit der Kavallerie, wenn sie nicht bald ihr Bankgeheimnis preisgeben würden.

Hoeness-Affäre ist für Steinbrück Steilvorlage

Jetzt reitet der Kavallerist schon wieder. Die Affäre um das Schweizer Schwarzgeldkonto von FC-Bayern-Präsident Uli Hoeness liefert Steinbrück eine lang ersehnte Steilvorlage. Er wittert den grossen Befreiungsschlag aus dem Beliebtheitstief und haut tüchtig drauf. Auf allen Kanälen gibt er den Rächer des kleinen, ehrlichen Steuerzahlers. Die Regierung von Bundeskanzlerin Angela Merkel mache zu wenig gegen Steuerbetrug, wettert er bei jeder Gelegenheit. Beinahe jeder, der in der Schweiz ein Konto hat, ist für ihn faktisch ein Schwerverbrecher.

Das Scheitern der Abgeltungssteuer beurteilt er als Segen, die Einführung des automatischen Informationsaustauschs nur noch als eine Frage der Zeit. Und das Aufkaufen von CDs mit gestohlenen Daten von Schweizer Banken findet Steinbrück völlig in Ordnung. Steuerbetrug sei schlimmer als Datendiebstahl, meinte er dazu vergangenen Sonntag in der Talkshow von Günter Jauch. Der Zweck heiligt die Mittel. Die Sache mit dem Rechtsstaat sieht der SPD-Mann betont locker. 

Doch Steinbrück sitzt in der Glaubwürdigkeitsfalle. Praktischerweise war er ja schon mal Finanzminister. Man kann ihn also in Steuerfragen an seinen Taten messen. Dabei kommt er nicht gut weg. Sein Steueroasen-Bashing beschränkte sich schon damals nur auf die Schweiz. Die Eidgenossen hatten keine Lobby und waren ein praktisches Opfer. Aber gegenüber den Briten oder Amerikanern hielt er sich auffällig zurück. Kein Wort der Kritik kam über seine Lippen, obwohl auf den Kanalinseln oder im US-Bundesstaat Delaware dem deutschen Fiskus viel Geld abhandenkommt.

Er legalisierte ein riesiges Steuerschlupfloch

Noch unangenehmer ist für ihn aber eine andere Geschichte. Letztes Wochenende wurde bekannt, wie sich Banken jahrelang mit einem Aktientrick Steuergutschriften in Milliardenhöhe erschlichen. «Das ist wahrscheinlich einer der grössten Steuerskandale überhaupt», sagte ein Mitarbeiter der hessischen Finanzverwaltung der «Welt am Sonntag» (gehört wie die «Handelszeitung» zur Axel-Springer-Gruppe).

Ausgerechnet unter der Führung von Finanzminister Steinbrück war dieser Trick per Gesetz legalisiert worden. Insgesamt gingen dem deutschen Staat in den letzten zehn Jahren schätzungsweise rund 12 Milliarden Euro verloren.

Hoeness musste bereits einen Steuerschaden von gut 3 Millionen Euro ersetzen. Seine Tricksereien sind nicht zu entschuldigen. Allerdings kostete Steinbrücks Riesenpanne den Fiskus deutlich mehr. Die Rechnung ist einfach: Steinbrück = 4000 × Hoeness.