Briefe werden nur noch selten geschrieben. Wenn dann mal ein persönlicher im Postkasten liegt, freut man sich darüber für gewöhnlich umso mehr. Eveline Widmer-Schlumpf und Palaniappan Chidambaram bilden da eine spektakuläre Ausnahme: Der indische Finanzminister schreibt sehr gerne an seine Schweizer Amtskollegin – doch die dürfte von der regelmässig aus Neu-Delhi eintreffenden Post eher genervt sein.

In nur vier Monaten verfasste Chidambaram drei Briefe an Widmer-Schlumpf. Der Inhalt war immer der gleiche: Indien drängt auf Schweizer Amtshilfe, um über 600 heimische Steuersünder zu überführen, die laut einer illegal entwendeten CD Schwarzgeld bei der Grossbank HSBC in Genf deponierten. Der Ton zwischen Indien und der Schweiz scheint mit den Monaten schärfer geworden sein – zumal in Indien gerade wichtige Regierungswahlen abgehalten werden.

Bislang stellte sich die Schweiz quer – zuletzt offenbar in einem vom 7. April datierten Brief an Chidambaram. Der Grund: Beruhen die Informationen der indischen Behörden auf gestohlenen Daten, kann die Schweiz nach geltenden Gesetzen keine Amtshilfe leisten.

100 Datensätze mit Kunden von Schweizer Banken

Wie es scheint, kommt die Regierung in Neu-Delhi nun dennoch an ihr Ziel – zumindest teilweise: Offenbar werden in Indien bereits umfassend Daten und Börsengeschäfte von über 100 Personen ausgewertet. Von diesen Personen wird vermutet, dass sie in der Schweiz Schwarzgeldkonten besitzen – oder besassen. Das berichtet eine Vielzahl indischer Medien heute übereinstimmend.

Anzeige

Eine Auswertung aller Börsendeals sei im Gange, um aufzudecken, ob die Verdächtigen heimlich ihr vermutetes Schwarzgeld wieder von der Schweiz nach Indien transferierten, heisst es dort. Zudem werden auch Geschäfte bei bis zu 15 indischen Firmen, darunter einige Blue Chips, untersucht, wird ein indischer Offizieller zitiert. Darüber hinaus wird demnach gegen Mitarbeiter einiger grosser internationaler Banken ermittelt, die Niederlassungen in der Schweiz haben.

Umweg von der Schweiz nach Singapur, Dunai und London

Der Verdacht: Diese Banker hätten ihren Kunden geraten, ihr Geld mithilfe komplizierter Fondsstrukturen zunächst von der Schweiz nach Singapur, Dubai und London zu bringen – um es anschliessend wieder nach Indien zu transferieren. So sollten offenbar Spuren in die Schweiz verwischt werden. 

Woher die über 100 Datensätze der Inder stammen, ist unklar. Ob die Schweiz die indische Regierung nun doch im Kampf gegen Steuerbetrüger unterstützt, ebenfalls. Die Schweizer Behörden halten sich bedeckt. Auf Nachfrage teilten Eidgenössische Steuerverwaltung und Finanzdepartement mit, dass Amtshilfeverfahren vertraulich seien. «Zu konkreten Verfahren können wir deswegen nichts sagen.»

Für indische Medien ist die Sache jedoch klar: Der Beharrlichkeit von Finanzminister Chidambaram ist es zu verdanken, dass der politische Druck auf die Schweiz stetig stieg – und die Datensätze zu Finanzgeschäften von über 100 mutmasslichen Steuersündern nun untersucht werden können.