Die Wissenschaft hat die Steuerhinterziehung im Griff. Zumindest theoretisch. So mancher Ökonom schwört auf das Konzept des psychologischen Steuervertrags zwischen Staat und Bürger. Darin steckt eine einfache Moralformel. Wer für wenig Geld viele staatliche Dienstleistungen erhält, im politischen Prozess mitreden kann und von den Steuerbehörden mit Respekt behandelt wird, schummelt seltener beim Ausfüllen der Steuererklärung.

Für die Schweiz spuckt die Wunderformel der Ökonomen erwartungsgemäss nur Bestnoten aus. Kein Wunder, denn der Staat funktioniert. Die direkte Demokratie auch. Und die netten Menschen vom Steueramt stellen reiche Steuersünder im Gegensatz zu ihren deutschen Kollegen nicht medienwirksam an den Pranger. Prominentestes Beispiel in der jüngeren Vergangenheit war Klaus Zumwinkel. Der ehemalige Chef der Deutschen Post bekam 2008 zu Hause nicht nur Besuch von Staatsanwaltschaft und Steuerfahndung, sondern auch gleich noch von mehreren Fernsehteams.

Mit der Steuerehrlichkeit dürfte es nicht so weit her sein

Tatsächlich soll nirgendwo sonst auf der Welt die Steuerhinterziehung tiefer, der Bürger ehrlicher sein - zusätzlich motiviert durch 35 Prozent Verrechnungssteuer.

Seit Jahren schon wundert sich das Ausland über die derart staatstreuen Alpenbewohner. Die griechischen Finanzbeamten schauen gerade besonders sehnsüchtig Richtung Norden. Für sie hat der ökonomische Moralrechner nur eine Null übrig.

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Aber stimmt das Bild von der Schweizer Oase der Steuerehrlichen wirklich? Oder ist das Schwarzgeld hierzulande nur besser versteckt als anderswo? Treffen gar die Expertenschätzungen zu, nach denen die Schweizer dem Staat jährlich fünf bis zehn Milliarden Franken vorenthalten?

Die offiziellen Statistiken zu den Steuerstraffällen liefern zumindest Indizien, dass dem so sein könnte. Zwar sind die absoluten Zahlen im Vergleich zum Ausland bescheiden, aber die regionalen Unterschiede sprechen Bände. Im Kanton Bern liegt das Risiko, erwischt zu werden, deutlich höher, als in den meisten anderen Kantonen. Das ist kein Zufall. Die Berner schauen systematisch bei den Toten genauer hin. Dort nehmen weniger Bürger ihr Schwarzgeld ins Grab, weil die Notare beim Ableben automatisch ein Vermögensinventar erstellen. Stimmen die Erben zu, gilt auch das Bankgeheimnis nicht mehr.

Der Fall Bern macht gleich zwei Missstände deutlich. Zum einen dürfte es mit der Schweizer Steuerehrlichkeit nicht ganz so weit her sein wie die Theorie verspricht. Zum andern führt der föderale Wahnsinn offenbar dazu, dass sich die Schwarzgelder in so manchem Kanton relativ gefahrlos verstecken lassen. Beides ist unhaltbar.

Grosse Steuersünder sollen künftig gefährlicher leben

Finanzdirektoren und die Linken wollen nun die Gunst der Stunde nutzen. Sie fordern gleich lange Spiesse wie die ausländischen Steuerfahnder, die künftig deutlich schneller an Schweizer Bankdaten rankommen.

Die Forderung nach der faktischen Abschaffung des inländischen Bankgeheimnis geht zu weit. Dennoch muss die Politik grossen Steuersündern endlich zeigen, dass sie künftig gefährlicher leben. Eine Vereinheitlichung der kantonalen Regeln wäre ein erster, aber unrealistischer Schritt. Darum sollte zumindest im Rahmen der Revision des Steuerstrafrechts für schwere Steuerhinterziehung dasselbe Informationsrecht wie bei Steuerbetrug eingeführt werden.

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Gegen die vertretbare Aufweichung des inländischen Bankgeheimnis dürfte sich einzig die SVP wehren. Den Mythos vom ehrlichen Eidgenossen will sie am Leben erhalten - auch eine Art psychologischer Steuervertrag.

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