Im Zusammenhang mit dem Tötungsdelikt an einer Genfer Sozialtherapeutin plädiert Strafvollzugsexperte Benjamin Brägger für einen verbesserten Informationsaustausch zwischen der Psychiatrie und dem Strafvollzug in der Westschweiz. Im Gegensatz zur Deutschschweiz gelte das Arztgeheimnis in der Romandie zu strikt.

Brägger, der an den Universitäten Bern und Lausanne unterrichtet, wies in Medien-Interviews auf die kulturellen Unterschieden zwischen der frankofonen und der deutschen Schweiz hin.

So sehe sich der Westschweizer Gefängnispsychiater «in erster Linie als Therapeut, der dem kranken Insassen zur Seite steht, um seine Krankheit zu lindern», sagte Brägger gegenüber Schweizer Radio SRF. Die Deutschschweizer Psychiatrie sehe sich dagegen mehr der Justiz verpflichtet und richte die Therapie stärker auf die Vermeidung eines Rückfalls aus.

Deshalb informiere der Psychiater die Vollzugsbehörden über alle Veränderungen. «In der Westschweiz ist das Arztgeheimnis viel strikter und der Infofluss ist viel weniger ausgeprägt», kritisiert Brägger.

Gefährlichkeitskommission in Genf

In Genf wird normalerweise von der sogenannten Gefährlichkeitskommission geprüft, ob ein Freigang erlaubt werden kann, wie der Genfer Gesundheitsdirektor Pierre-François Hunger am Samstag der Nachrichtenagentur sda sagte.

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Die Kommission setze sich aus Psychiatern und Justizvertretern zusammen. Bei der Administrativuntersuchung werde sich herausstellen, ob dies auch im aktuellen Fall so gehandhabt worden sei, sagte Hunger.

Manipulatorische Vergewaltiger

Klar sei, dass in Genf bei der Beurteilung etwas falsch gelaufen sei. Vergewaltiger seien Manipulatoren erster Güte, sagte Brägger im Interview mit der «Liberté» vom Samstag. Auch hätten sie durch lange Therapien gelernt, etwas vorzuspielen. Ohne ein System, dass dem Insassen gegenüber sehr kritisch sei, bestehe die Gefahr einer Fehleinschätzung.

Bei der Begutachtung von Insassen seien deshalb Verbesserungen unabdingbar. In der Westschweiz müssten Strafvollzug und Psychiatrie enger zusammenarbeiten, um mehr Transparenz und einen grösseren Informationsaustausch zu haben.

Es brauche gesetzliche Grundlagen, die Psychiater und Psychologen dazu verpflichteten, während der von der Justiz angeordneten Therapien Informationen weiterzugeben. Zwar sei der Schutz des Arztgeheimnisses wichtig, aber «hier geht es um Menschenleben».

(sda/aho)