Hören sie das Wort Vogelschutz, verdrehen Strömler die Augen. Und das immer öfter. Schon heute gelten für neue Strommasten und Leitungen strenge Vorschriften, die verhindern sollen, dass Vögel wegen Stromschlägen in den Hochspannungsleitungen verenden. Doch nun plant der Bund ein grosses Retrofit-Programm, das alle bereits gebauten Anlagen unter die Lupe nimmt und Nachrüstungen verlangt, wie Barbora Neveršil vom Bundesamt für Umwelt (Bafu) bestätigt. Hohe Baukosten – und viel Planungsarbeit – dürften damit vor allem auf grosse Überlandwerke wie Axpo, BKW und CKW zukommen.


«Wir streben an, die Vorschriften der Leitungsverordnung und des Eisenbahnrechts so zu präzisieren, dass für bestehende Anlagen, die für Vögel mit grosser Flügelspannweite eine Stromschlaggefahr darstellen, eine Sanierungspflicht besteht», schreibt das Bafu. Gemeint sind Vögel wie Störche, Greifvögel und Uhus. Sitzen sie bloss auf einer Leitung, passiert ihnen nichts. Kommen sie mit ihren Flügeln aber gleichzeitig einer zweiten Leitung oder einem geerdeten Teil an einem ­Masten zu nahe, fliesst der Strom durch sie hindurch. Und das überlebt kein Tier.


Alarmstimmung herrscht daher beim Netzbetreiberverband VSE. Noch sei es zu früh für konkrete Aussagen, sagt Direktor Michael Frank. «Wenn es darum geht, alle Masten anzupassen oder gar zu überarbeiten, reden wir schnell über eine Grössenordnung von 25 000 Masten. Die Kosten können in den dreistelligen Millionenbereich gehen.» Berappen müsste das der Konsument, denn die Kosten können auf die Netztarife umgelegt werden.



Unzählige blockierte Verfahren


Viel wichtiger als das Thema Kosten sei aber das der Verhältnismässigkeit, warnt Frank. «Wenn so ein Retrofit-Programm kommt, überziehen wir das ganze Land mit Plangenehmigungsverfahren.» Und solche Verfahren dauern. Er verweist auf das ­Beispiel der Leitung zwischen Basse­court und dem heutigen AKW Mühleberg. Dort soll – eigentlich, ohne dass bauliche Massnahmen nötig wären – die Spannung ­erhöht werden, um den baldigen Wegfall des AKW mit Importen aus Frankreich kompensieren zu können. Doch weil die Anpassung angefochten wurde, hängt sie seit Jahren in einem Verfahren fest.
Mittlerweile denkt der Bundesrat gar an Notrecht. «Es ist nicht auszuschliessen, dass der Vogelschutz über solche Verfahren am Ende den Ausbau für die Energiestrategie 2050 gefährdet», warnt Frank.

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Während die Strömler vor allem an ihr Netz denken, sieht das Bafu die Vögel, die jedes Jahr verenden, weil Leitungen zu nahe beieinander hängen oder Masten schlecht isoliert sind. Von den tot aufgefundenen beringten Störchen seien 40 Prozent durch einen elektrischen Schlag gestorben, zitiert ein aktueller Bafu-Bericht einen Mitarbeiter der Vogelwarte Sempach. Ähnlich gefährdet seien Uhus. Eigentlich müsste im Wallis der Bestand der Uhus aufgrund von Zuwanderung pro Jahr um 17 Prozent zunehmen. Die «Verluste durch Stromtod» führten aber gerade mal zu einem stabilen Bestand. In Zusammenarbeit mit dem Bafu laufen denn auch vielerorts schon freiwil­lige Sanierungsprogramme.



Tausende Masten allein bei der Axpo


Von einer Umrüstung wären vor allem regionale und überregionale Stromversorger betroffen. Die Axpo allein müsste wohl 6000 bis 8000 Masten überarbeiten, hiess es vor kurzem an einer Stromtagung der Uni St. Gallen. Gegenüber der «Handelszeitung» nennt Axpo-Sprecher Tobias Kistner keine Zahlen, verweist aber darauf, dass die Revision «zu erheblichen Mehrkosten» für den Badener Stromkonzern führen könnte.
Die SBB als weitere Hauptbetroffene wollen sich derzeit noch nicht äussern. Kaum betroffen wäre dagegen die nationale Netzbetreiberin Swissgrid. Ihre Leitungen sind aufgrund der sehr hohen Spannung schon heute meist so weit auseinandergespannt, dass auch grosse Vögel wie Störche oder Steinadler keine Kurzschlüsse auslösen.

Weitaus relevanter sei das Risiko von Kollisionen, so Sprecherin Irene Fischbach.
Nun liege es am Bundesrat, eine Ab­wägung zwischen «Nutz und Schutz» ­vorzunehmen, sagt VSE-Direktor Frank. Immerhin sei die Energiestrategie 2050 im nationalen Interesse. Gemäss Bafu-­Sprecherin Neveršil wird die angepasste Verordnung im zweiten Quartal 2020 in eine Vernehmlassung gegeben. Bis dahin haben Vogelschützer und Strombranche noch Zeit, ihre Positionen vorzubereiten.
 

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