In der vergangenen Woche wurde in Bern mal wieder über die AHV debattiert. Knackpunkte sind die Angleichung des Rentenalters, die Finanzierung über die Mehrwertsteuer und Ausgleichszahlungen wie eine Erhöhung der Renten für Ehepaare.

Schaut man die Sache durch die Brille des Ökonomen an, ist es einfach. Die Vorsorgewerke schreiben Defizite, weil sie den Rentnern und Rentnerinnen mehr versprechen, als sie finanzieren können. Das gilt es zu korrigieren.

Die Renten laufen heute 60 Prozent länger als bei der Einführung der AHV

Eines ist klar: Wir werden immer älter und verbringen einen grösseren Teil des Lebens als Pensionärinnen und Pensionäre. Als die AHV 1947 eingeführt wurde, konnte ein Mann beim Rentenantritt noch mit 12,4 Jahren Leben rechnen, eine Frau mit 14 Jahren. 2019 jedoch hatte ein 65-jähriger Mann bereits eine Lebenserwartung von weiteren 20 Jahren. Und eine Frau hatte mit 64 sogar Aussicht auf 23,6 Jahre Rente. Das sind volle 60 Prozent mehr. Allein in den letzten zehn Jahren hat die Lebenserwartung um ein weiteres Jahr zugenommen.

Dieser Ausbau der Renten muss von immer weniger Werktätigen erwirtschaftet werden, weil auf die Babyboomer auch noch geburtenschwächere Jahrgänge folgen. Dass diese Rechnung nicht aufgeht, ist klar. Die Alterspyramide lässt sich schlecht korrigieren – ausser man kehrt zu einer liberaleren Einwanderungspolitik zurück. Das Kostenwachstum aus immer mehr Bezugsjahren liesse sich jedoch stoppen: über eine massvolle Anpassung des Rentenalters an die Lebenserwartung.

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Doch das Rentenalter ist eines der letzten Tabuthemen. Den kommenden Generationen werden immer höhere Kosten aufgebürdet. Schon die Beseitigung der Ungleichbehandlung von Mann und Frau scheitert. Dabei lässt sich kaum noch begründen, weshalb Frauen ein Jahr früher pensioniert werden als Männer. In der AHV werden sie alles andere als benachteiligt, wie die Statistik zeigt. Während Männer die Mehrheit der Beiträge bezahlen, fliessen 55 Prozent der Altersrenten an Frauen.

Auch die Höhe der AHV-Renten ist nicht so ungleich, wie das oft behauptet wird. Zwar fliessen bei Verheirateten deutlich höhere Renten an die Männer als an die Frauen. Bei Verwitweten, Geschiedenen und Getrennten, die für sich selbst sorgen müssen, beträgt der Unterschied jedoch nur 2 bis 2,5 Prozent. Und ledige Rentnerinnen erhielten 2019 im Schnitt sogar 1,5 Prozent höhere Renten als ledige Rentner.

Blockaden, weil gesellschaftspolitische Fragen verschlafen wurden

Dass selbst kleine Schritte wie die Angleichung zwischen Mann und Frau nicht gegangen werden können, hat wohl damit zu tun, dass die AHV als Projektionsfläche für alle möglichen Kompensationen herhalten muss. Frauen verdienen im Durchschnitt deutlich weniger? Also dürfen sie früher in Rente. Sechzigjährige finden kaum noch einen Job? Also darf das Rentenalter nicht erhöht werden.

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Die Rentenreformen kommen auch deshalb nicht voran, weil gesellschaftspolitische Fragen verschlafen oder nicht ernst genommen wurden. Und das sollte denn auch den Bürgerlichen zu denken geben, die der Linken eine Blockadepolitik vorwerfen.

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