Hochspannung in Griechenland: In dem vom Staatsbankrott bedrohten Land haben zum zweiten Mal binnen sechs Wochen Neuwahlen begonnen. «Die Wahlen verlaufen normal, wie wir es geplant hatten», erklärte Innenminister Antonis Manitakis am Sonntagvormittag.

«Heute spricht das griechische Volk. Morgen beginnt eine neue Ära für Griechenland», sagte der Chef der Konservativen, Antonis Samaras, im Fernsehen nach der Stimmabgabe in seiner Heimatstadt Pylos.

Vor dutzenden Journalisten gab der Chef der Linken, Alexis Tsipras seine Stimme im Athener Stadtteil Kypseli ab. Zu Befürchtungen, Griechenland gehe Bankrott wenn die Linke gewinnt, sagte er: «Wir haben die Angst besiegt. Heute gehen wir einen neuen Weg. In ein Europa das sich ändert.» Die Zukunft gehöre denjenigen, die Hoffnungsträger sind.

Sparprogramm das zentrale Thema

«Das Land muss morgen eine Regierung haben», sagte der Chef der Sozialisten, Evangelos Venizelos. Nur eine breite Koalition, eine Regierung der Nationalen Verantwortung, könne das Land aus der Krise führen und es im Euroland halten.

Zentrales Thema im Wahlkampf war das umstrittene Sparprogramm, das den Griechen im Gegenzug für Milliardenhilfen auferlegt worden war. Letztlich geht es um die Frage, ob Athen in der Eurozone bleibt oder nicht - mit unvorhersehbaren internationalen Auswirkungen.

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Die ganze Welt blicke auf Griechenland - mit angehaltenem Atem, lautete der Tenor in der konservativen Zeitung «Kathimerini». «Stimme für den Euro», lautete die Aufforderung im Boulevardblatt «Ethnos». «Regierung aller Griechen am Montag», prophezeite das Parteiblatt des Bündnisses der radikalen Linken «Avgi». Die Linke werde gewinnen und eine Regierung bilden, hiess es darin.

Kopf-an-Kopf-Rennen erwartet 

Alle Umfragen sagen ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen den Konservativen der Nea Dimokratia (ND) und dem Bündnis der radikalen Linken (Syriza) voraus. Die Konservativen setzen sich für die Einhaltung des versprochenen Reform- und Sparkurses ein. Sie wollen aber eine erhebliche Lockerung der Sparmassnahmen aushandeln.

Die Linken wollen dagegen die Sparauflagen der internationalen Geldgeber auf Eis legen. Es gilt als sicher, dass keine Partei die absolute Mehrheit erreichen wird. Auch diesmal muss dann eine Koalitionsregierung gebildet werden. Nach den Wahlen am 6. Mai war keine tragfähige Mehrheit zustande gekommen. Die Wahllokale schliessen um 19.00 Uhr Ortszeit (18.00 MESZ). Die ersten Prognosen auf Grundlage von Wählerbefragungen werden unmittelbar nach Schliessung der Wahllokale erwartet. Mit aussagekräftigen Hochrechnungen wird gegen 19.30 Uhr gerechnet.

Trader in Alarmbereitschaft

Die anstehende Parlamentswahl in Griechenland am Sonntag versetzt Anleger an der New Yorker Börse derweil in Alarmstimmung. Die Wahl in dem Mittelmeerland dürfte in der kommenden Woche auch für höhere Wellen an den US-Börsen sorgen. 

Die Griechen entscheiden bei den Wahlen nicht nur über ein neues Parlament, sondern möglicherweise auch über Sein oder Nichtsein in der Euro-Zone. Die spannende Frage ist, ob das Linksbündnis Syriza gewinnen wird, welches die Sparauflagen des finanziellen Hilfspakets ablehnt, oder ob die konservative Nea Dimokratia die Nase vorn hat, die sich grundsätzlich zu dem Sparprogramm bekennt. 

Doch auch nach der Griechenland-Wahl wird die kommende Woche kaum ruhig verlaufen: Am Mittwoch steht die geldpolitische Erklärung der US-Notenbank Fed an. Ausserdem rechnen Analysten mit weiteren Rating-Herabstufungen und mit Warnungen vor steigenden Staatsschulden. 

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Patt-Situation möglich

Die Griechenland-Wahl könnte nach Ansicht von Analysten abermals in einer Patt-Situation enden, wo keine Partei in der Lage ist, eine Regierung zu bilden. «Ich glaube, dass dieses Ergebnis sehr wahrscheinlich ist», sagte Gregory Peterson von Ballentine Partners LLC in Waltham, Massachusetts. 

Das werde zu grosser Unsicherheit führen und «das dürfte nicht gut für die Märkte sein». Noch mehr Druck auf die Kurse würde von einem Wahlergebnis ausgehen, das auf eine Auflösung der Euro-Zone hinauslaufen könnte, sagte Peterson. 

Viele Anleger haben sich aber bereits auf das Schlimmste eingestellt. «Die Leute haben in den vergangenen zwei Wochen ihre Positionen aggressiv abgesichert», sagte Alec Levine, Derivate-Stratege bei der Newedge Group SA in New York. Er rechnet mit einer Neuauflage des Nervenspiels zwischen der neuen griechischen Regierung und der Europäischen Union, bei dem es darum geht, wer zuerst nachgibt.

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Zentralbank arbeiten an Notfallszenario

Trotz dieser Befürchtungen haben die Börsen in den USA die vergangene Woche im Plus beendet. Getragen war dieser Optimismus der Aktienanleger von der Hoffnung, dass die Fed und andere Zentralbanken weitere Massnahmen zur Ankurbelung der Wirtschaft ergreifen. So hält sich hartnäckig die Erwartung, dass die Fed mit einer dritten Runde der monetären Lockerung (QE3) weiteres Geld in den Markt pumpt.

Zudem haben die wichtigsten Zentralbanken der Welt signalisiert, dass sie bereit stehen, bei schweren Marktturbulenzen nach der Griechenland-Wahl die Märkte mit ausreichend Liquidität zu versorgen.

(muv/sda/awp)