Im Kampf gegen die Extremisten-Miliz Islamischer Staat (IS) haben die USA und andere westliche Länder einen ungewöhnlichen Verbündeten gefunden: die von ihnen offiziell als Terrorgruppe eingestufte Kurdische Arbeiterpartei PKK. Drei Jahrzehnte lang kämpfte die PKK bis zum Waffenstillstand 2013 in der Türkei mit Gewalt für die Unabhängigkeit. 40'000 Menschen wurden dabei getötet. Mit ihrem Kampf gegen die sunnitischen IS-Extremisten hofft die Organisation, das Etikett einer Terrorgruppe loszuwerden.

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«Dieser Krieg wird solange weitergehen, bis der Islamische Staat erledigt ist», sagt PKK-Kämpfer Rodschhat in einem Krankenhaus in der irakischen Kurdenhauptstadt Erbil. Er wurde bei der Vertreibung der IS-Miliz aus der nordirakischen Stadt Machmur verletzt. Dank seines Einsatzes und das seiner Kameraden können die Bewohner nun zurückkehren. Die IS-Sprüche «Der Islamische Staat bleibt» sind bereits übersprüht.

«Es geht nicht nur um Machmur. Es geht um Kurdistan», sagt PKK-Befehlshaber Sadik Goji in Machmur unter einem Porträt seines in der Türkei inhaftierten Chefs Abdullah Öcalan. Er meint damit die über vier Staaten verteilt liegenden Kurdengebiete in Syrien, dem Iran, dem Irak und in der Türkei. Der PKK-Verbündete YPG hat im Nordosten Syriens bereits ein autonomes Kurdengebiet eingegrenzt und dort erfolgreich IS-Angriffe zurückgeschlagen.

Kurdische Rivalitäten

Es waren auch YPG-Kämpfer, die Tausenden vor der IS-Miliz ins Gebirge geflüchteten irakischen Jesiden zu Hilfe eilten. «Die PKK ist unser Held», sagt denn auch der 26-jährige Hussein, einer von Hunderten Jesiden, die in Syrien von der YPG für den Kampf gegen den IS ausgebildet werden. Die PKK hat nach Angaben von Befehlshabern auch Kämpfer in die Städte Kirkuk und Dschalaula entsandt. Die wichtigste Waffe der IS ist nach Ansicht des Kommandeurs Goji die Angst. «Sie betreiben psychologische Kriegsführung», sagt er. «Der IS ist gar nicht so stark, wie er denkt.»

Der Erfolg der PKK ist auch ein Problem für die gerühmten kurdischen Peschmerga-Kämpfer. Sie wurden einfach überrannt und hatten den schwer bewaffneten IS-Kämpfern wenig entgegenzusetzen. Auch der historische Rivale der PKK, die Demokratische Partei Kurdistans (KDP) des irakischen Kurdenpräsidenten Massud Barsani, dürfte sich Sorgen machen. Zwar kämpfen jetzt beide Gruppen Seite an Seite gegen die Islamisten, doch die Spannungen bleiben.

Ein ranghoher KDP-Vertreter befürchtet, das PKK-Engagement könnte den Westen davon anhalten, hochwertige Waffen an die Kurden im Irak zu liefern. «Wir brauchen sie nicht», sagt er mit Blick auf die PKK. Diese versuche, die KDP in Verruf zu bringen. Kämpfer Rodschhat dagegen meint, die PKK sei schlicht besser organisiert und daher besser geeignet, gegen die IS-Miliz zu kämpfen - auch ohne die geforderten neuen Waffen. Schliesslich habe die PKK jahrelang gegen die türkische Armee gekämpft.

Türkei gibt sich gelassen

Die türkische Regierung hat sich zuletzt mit Stellungnahmen zurückgehalten. Sie muss sich den Vorwurf anhören, mit der Unterstützung der Gegner des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad den IS erst stark gemacht zu haben. Ein Übergreifen der Unruhen auf die Türkei befürchtet sie jedoch nicht. Der Kampf gegen die IS-Miliz und der Kampf um Kurdenrechte in der Türkei seien zwei grundverschiedene Dinge, sagt ein ranghoher Regierungsvertreter. «Es gibt keine Angst vor einer Spaltung der Türkei oder die Angst vor einer Vereinigung der kurdischen Bevölkerung ausserhalb der Türkei.» Die PKK hat ihre Forderung nach einem eigenen Kurdenstaat im Südosten der Türkei fallengelassen. Sie strebt nun in den vier betroffenen Ländern eine Dezentralisierung zugunsten der kurdischen Bevölkerung an.

Ob es der PKK gelingt, mit Hilfe ihres Irak-Engagements die Einstufung als Terrorgruppe durch die USA und die EU loszuwerden, bleibt fraglich. Eine Entscheidung darüber werde wohl nicht ohne Einigung mit der Türkei getroffen, sagt ein europäischer Diplomat in Ankara. «Es ist ziemlich paradox, dass eine von der EU als Terrorgruppe verbotene Organisation, offenbar eine solch bedeutende Rolle (gegen die IS-Miliz) spielt», räumt er ein.

(reuters/chb)