Trotz heftiger Gegenwehr kurdischer Kämpfer ist die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) am Montagabend in die nordsyrische Grenzstadt Kobane eingedrungen. Die IS-Kämpfer lieferten sich erstmals Strassenkämpfe mit den Kurden im Ostteil der Stadt.

Dies teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit. Kurdische Kämpfer und IS-Milizionäre kämpften «in den Strassen, zwischen den Gebäuden», sagte der Chef der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, Rami Abdel Rahman.

«Die Strassenkämpfe haben begonnen und erstmals gibt es Kämpfe in den Viertel am Ostzugang von Kobane, in den Vierteln Maktala al-Dschadida und Kani Arabane», sagte Rahman. Laut der Beobachtungsstelle waren IS-Kämpfer bereits in der Nacht zum Montag nach Kobane eingedrungen, doch dort in einen Hinterhalt der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) geraten. 20 Dschihadisten seien getötet worden.

Am Montag hatte die Terrormiliz IS erstmals ihre schwarze Fahne an einem mehrstöckigen verlassenen Wohngebäude am östlichen Rand von Kabane nahe der Grenze zur Türkei gehisst.

Letzte Bastion vor dem Fall

Die kurdisch-syrische Stadt Kobane ist die letzte Bastion in einer Enklave, die bisher von den kurdischen Volksschutzeinheiten kontrolliert wurde. Deren Kämpfer sind mit dem syrischen Ableger der kurdischen Arbeiterpartei PKK verbunden.

Die IS-Dschihadisten haben bereits mehr als 300 Dörfer im Umland von Kobane eingenommen, rund 160'000 Menschen flohen in die Türkei. Etwa 5000 Kurden stellen sich nach Angaben aus Kobane derzeit den IS-Extremisten entgegen.

Während der Gefechte schlug erneut eine Mörsergranate in einem Haus im Nachbarland Türkei ein. Bei dem Granateneinschlag wurde niemand verletzt, wie die Nachrichtenagentur DHA berichtete. Die Nachrichtenagentur Anadolu meldete, türkische Behörden hätten wegen des wiederholten Granatenbeschusses inzwischen die Evakuierung von drei Grenzdörfern angeordnet. Ausserdem seien die Schulen in der Umgebung geschlossen worden.

Türkei will nicht einmarschieren

Die türkische Armee griff trotz eines parlamentarischen Einsatzmandats jedoch auch am Montag nicht in die Kämpfe ein. Türkische Panzer und Soldaten blieben weiterhin an der Grenze stationiert, schritten aber nicht ein.

Die türkische Regierung sagte den Kurden in Kobane zwar Unterstützung zu. Einen schnellen Einsatz von Bodentruppen gegen die Terrormiliz IS in der umkämpften syrischen Stadt stellte Ankara aber nicht in Aussicht.

«Wir werden alles nur Mögliche unternehmen, um den Menschen in Kobane zu helfen», sagte Ministerpräsident Ahmet Davutoglu dem US-Sender CNN. «Bodentruppen zu schicken ist aber natürlich eine andere Entscheidung.» Wenn man in Kobane eingreife, müsse man in ganz Syrien intervenieren.

Die NATO sicherte ihrem Mitglied Türkei volle Unterstützung zu, sollte das Land attackiert werden. Der neue NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg sagte bei einem Besuch in Polen, die Patriot-Raketen seien nicht zuletzt an der türkischen Grenze positioniert worden, um die Verteidigungsfähigkeit zu stärken. «Die Türkei sollte wissen, dass die NATO da sein wird, sollte es Angriffe auf die Türkei als Folge der Gewalt in Syrien geben.»

IS lässt sich von Luftangriffen nicht stoppen

Luftangriffe der USA und arabischer Staaten haben den Vormarsch der IS-Kämpfer bislang nicht aufhalten können. Durch eine Eroberung der Grenzstadt Kobani erhoffen sich die Dschihadisten starken Rückenwind für die weitere Offensive.

Seit Anfang August fliegt die US-Luftwaffe Angriffe auf IS-Stellungen im Irak, seit Ende September ausserdem in Syrien. Unterstützt wird sie dabei von Jordanien, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Aus Europa erhält die Koalition ausserdem militärische Unterstützung von Frankreich und Grossbritannien.

Am Sonntag flogen erstmals auch niederländische Kampfbomber über dem Irak. Die F-16-Flugzeuge sollen Luftunterstützung für irakische und kurdische Bodentruppen leisten. Das australische Militär teilte am Montag mit, auch erste australische Kampfjets seien im Irak zum Einsatz gekommen. Luftangriffe gab es demnach aber noch nicht.

Selbstmordanschläge in Hasakah

Bei zwei Selbstmordanschlägen in der Stadt Hasakah im Nordosten Syriens kamen am Montag mindestens 30 kurdische Kämpfer ums Leben. Innerhalb weniger Minuten hätten die Attentäter zwei Kontrollpunkte der Kurden am westlichen Rand der Stadt angegriffen worden, teilte die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit.

(sda/gku)
 

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