Grenzgänger und ausländische Bewohner haben keinen signifikanten Einfluss auf die Beschäftigungssituation von Einheimischen im Tessin. Dies hat eine Studie der Tessiner Universität USI herausgefunden, die die Auswirkungen der Personenfreizügigkeit untersuchte.

Die erhöhte Zahl der Grenzgänger und der ausländischen Wohnbevölkerung in der Folge des Personenfreizügigkeitsabkommens habe für die einheimische Bevölkerung im Tessin nicht das Risiko erhöht, arbeitslos zu werden.

Doppelt so viele Grenzgänger

Zu diesem Schluss kommen die Wissenschaftler in einer am Dienstagabend vorab veröffentlichten Übersicht der Studie. Dies schliesse zwar nicht aus, dass «punktuell» Einheimische durch ausländische Arbeitskräfte ersetzt wurden, eine «systematische» Verdrängung sei jedoch nicht zu beobachten, so die Autoren der Studie.

Die Zahl der Grenzgänger habe sich im Tessin seit 2002 verdoppelt – jeder vierte Arbeitsplatz im Südkanton werde heute von den rund 62'500 Grenzgängern besetzt.

Tiefe Beschäftigungsquote

Problematisch sei für das Tessin nicht die direkte Verdrängung, sondern der Zugang der einheimischen Bevölkerung zum Arbeitsmarkt – die Beschäftigungsquote liege im Tessin unter dem Schweizer Durchschnitt. In diesem Zusammenhang sei auch die Schwierigkeit von Tessiner Jugendlichen ohne Berufserfahrung zu sehen, auf dem heimischen Arbeitsmarkt Fuss zu fassen.

Dieser Aspekt müsse allerdings noch tiefgehender untersucht werden, schrieben die USI-Forscher. Sie wiesen ausserdem darauf hin, dass der Zusammenhang zwischen der Beschäftigung von ausländischen Arbeitnehmern und der Lohnentwicklung der einheimischen Bevölkerung nicht analysiert wurde.

Grenzgänger als Sündenböcke

Im Tessin werden ausländische Arbeitnehmer, allen voran Grenzgänger, für Lohndumping verantwortlich gemacht. Erst am vergangenen Freitag war der Bundesrat in einem Bericht über die Situation im Tessin auf diesen Aspekt eingegangen. Mit den flankierenden Massnahmen stehe dem Kanton ein Instrumentarium zum Schutz vor Lohndumping zur Verfügung, hielt er damals fest.

Ende September hatte die Tessiner Regierung ein Massnahmenpaket gegen Lohndumping geschnürt. Künftig soll es beispielsweise eine Onlineplattform geben, auf der Fälle von Lohndumping gemeldet werden können. Ausserdem soll ein neues Ausbildungsmodell geschaffen werden, mit dem jenen Menschen geholfen werden soll, die bereits eine Ausbildung absolviert haben, aber keine Stelle finden.

Auftrag der Politik

Die neu publizierte Studie bezieht sich auf Daten der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE) des Bundesamts für Statistik (BFS) – für den Zeitraum von 2003 und 2013 wurden insgesamt 95'000 Statistiken über Arbeitnehmer, Arbeitslose und inaktive Personen ausgewertet.

Das USI-Institut führte die Untersuchung im Auftrag des Präsidiums des Tessiner Grossen Rats und des Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) durch.

(sda/ise/ama)

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