Nach der Wahlschlappe der Konservativen in Grossbritannien sind die beiden wichtigsten Vertrauten und Berater von Premierministerin Theresa May zurückgetreten. «Ich übernehme die Verantwortung für meinen Anteil an diesem Wahlkampf, der die Aufsicht über unser politisches Programm war», schrieb der bisherige Stabschef Mays, Nick Timothy, am Samstag in einem Blog der Tories.

Er habe seinen Job als Ratgeber bereits am Vortag aufgegeben. Wie ein Sprecher der Partei mitteilte, trat auch Co-Stabschefin Fiona Hill zurück. Seit der Wahl, in der die Konservativen ihre Regierungsmehrheit im Unterhaus verloren, hatten viele Tories die beiden heftig kritisiert und ihren Rücktritt gefordert.

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Plan mit Schuss nach hinten

Insbesondere Timothy gilt als verantwortlich für einen der grössten Missgriffe im Wahlkampf: Den Plan für eine Reform der Pflege-Finanzierung, die als «Demenzsteuer» gebrandmarkt wurde und die Premierministerin zu einer politischen Kehrtwende mitten im Wahlkampf zwang.

Nach ihrer Wahlschlappe steht die britische Premierministerin Theresa May massiv in der Kritik. «Sie ist erledigt», titelte die Boulevard-Zeitung «The Sun» am Samstag. Auch viele andere britische Zeitungen sehen die Premierministerin geschwächt: «May blickt in den Abgrund» lautete die Schlagzeile in der «Times», «Die Tories wenden sich gegen Theresa», schrieb die konservative «Daily Mail». 

Top-Leute sollen bleiben

Mays Konservative hatten bei der Parlamentswahl am Donnerstag ihre absolute Mehrheit eingebüsst. Trotz Rücktrittsforderungen liess sich die 60-jährige Regierungschefin am Freitag von Königin Elizabeth II. offiziell mit der Bildung einer neuen Regierung beauftragen. Sie setzt dabei auf die Unterstützung der nordirischen Democratic Unionist Party (DUP). «Koalition der Irren» titelte die Boulevard-Zeitung «Daily Mirror» mit Blick auf Mays angestrebte Minderheitsregierung. 

Auf Kritik stiess auch Mays Entscheidung, fünf wichtige Mitglieder ihres bisherigen Kabinetts im Amt zu belassen. Neben Aussenminister Boris Johnson und Brexit-Minister David Davis sollen auch Finanzminister Philip Hammond, Verteidigungsminister Michael Fallon und Innenministerin Amber Rudd ihre Posten behalten. Für Samstagnachmittag hat May eine erste Kabinettssitzung einberufen. 

Keine Koalition mit Brexit-Gegnern

Eigentlich hatte May sich von der vorgezogenen Neuwahl ein starkes Mandat für die Brexit-Verhandlungen erhofft, ihre konservativen Tories erlitten stattdessen aber bittere Verluste. Sie kommen nach Auszählung aller Wahlkreise auf 318 Mandate, 13 weniger als bei der Wahl 2015. Die oppositionelle Labour-Partei gewann 30 Sitze hinzu und kommt auf 262 Sitze. Die DUP erhielt zehn Sitze.

Die Liberaldemokraten, die 2010 eine Koalition mit Mays Vorgänger David Cameron gebildet hatten, erhielten vier Mandate mehr und kommen auf zwölf Sitze. Als Koalitionspartner kommen sie dieses Mal aber nicht in Frage, weil sie den Brexit vehement ablehnen. Die Schottische Nationalpartei (SNP), die nach den Wahlen 2015 drittstärkste Kraft im britischen Unterhaus geworden war, verlor 21 ihrer 56 Sitze. 

Rechtsaussen kann nicht punkten

Die rechtspopulistische Ukip, die 2015 noch auf 12,6 Prozent gekommen war, verlor mehr als zehn Prozentpunkte und ihren einzigen Sitz im Unterhaus. Parteichef Paul Nuttal trat zurück. Die Wahlbeteiligung lag mit knapp 69 Prozent höher als in den vorangegangenen Parlamentswahlen seit 1997.

Fünf Fakten zu Grossbritannien:

(sda/jfr)