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Geldpolitik
Thomas Jordan: Kollegialer Autokrat bei der SNB

Präsident, Bankratsmigelider und Direktorium: Thomas Jordan an der SNB-GV in Bern. Keystone

Der Präsident beherrscht die Nationalbank total. Fachleute sehen Erneuerungsbedarf bei der Organisation der SNB. Doch Bundesverwaltung und Bankrat klemmen die Diskussion ab.

Von Simon Schmid
am 11.05.2017

Die Schweiz rühmt sich als Musterdemokratie. Doch in der Geldpolitik hat einer das alleinige Sagen: Thomas Jordan, Präsident der Schweizerischen Nationalbank. Er hat den klaren Führungsanspruch im Haus, ist die unbestrittene Nummer eins im Direktorium, der «Chief Executive Officer», wie es eine nahestehende Person formuliert.

Das ist nicht unproblematisch. Gemäss Gesetz wird die Geldpolitik der Schweiz von drei Personen gemacht: von den drei Direktoren der drei SNB-Departemente. Sie entscheiden im Konsens. De facto trifft jedoch ein einziger Kopf die Entscheide. Thomas Jordan, so diverse Einschätzungen, überragt mit seiner Autorität die zwei anderen Direktoriumsmitglieder weit.

Von der Pike auf gelernt

Fritz Zurbrügg und Andrea Maechler sind in Sachen Geldpolitik akademische Leichtgewichte. Zur SNB kamen sie 2012 und 2015 als Frischlinge. Thomas Jordan, ein monetärer Ökonom mit Habilitation und universitärem Lehrauftrag, hat das Geschäft dagegen von der Pike auf gelernt.

Der Zwei-Meter-Mann kennt jede Ecke der Institution, in deren Dienst er seit zwanzig Jahren steht. Er war bei der SNB Forscher, Forschungschef, Mitglied des erweiterten Direktoriums, Chef des dritten und zweiten Departements und schliesslich Chef des ersten, für die Geldpolitik entscheidenden Departements.

Alles in Ordnung bei der SNB

Wie bedenklich ist seine Dominanz? Braucht es organisatorische Änderungen bei der Nationalbank? Ein bisher wenig diskutierter Bericht des Bundesrats kam im Dezember 2016 zu einem profanen Schluss: Alles sei in Ordnung bei der SNB. Weder beim währungspolitischen Konzept noch beim institutionellen Setting sei Handlungsbedarf angezeigt.

Wie stark die Nationalbank den Bericht mit verfasst hat, ist unklar. Beobachter gehen davon aus, dass nichts im Papier steht, was nicht von der SNB-Spitze abgesegnet wurde. Die Schlussfolgerungen des rund 90-seitigen Berichts sind nach Ansicht von Fachleuten und SNB-nahen Quellen allerdings weniger eindeutig, als es die Verwaltung darstellt.

Problematische Schlussfolgerungen

Ein umstrittener Punkt ist die Grösse des Direktoriums. Wer bietet Thomas Jordan Paroli, wer fordert ihn heraus? Die meisten Notenbanken haben breit aufgestellte Gremien: In Schweden sitzen sechs Mitglieder im geldpolitischen Komitee, in Grossbritannien neun, in den USA zwölf.Je mehr Leute mitreden, desto besser wird die Geldpolitik, besagt die Forschung. Als optimal gelten fünf bis zehn Personen.

Dass in der Schweiz nur drei Personen beschliessen, ist laut Bundesrat nicht tragisch. Er verweist darauf, dass bei der SNB auch drei Direktoren-Stellvertreter mitdiskutieren – womit die Last auf sechs Personen verteilt sei. Die SNB sagt auf Anfrage, dass die Stellvertreter wichtige Rollen hätten und Arbeitsgruppen bei der Vorbereitung geldpolitischer Fragen leiteten.

Direktoren mit Mikromanagement beschäftigt

Tatsächlich sitzt mit Dewet Moser ein SNB-Urgestein im erweiterten Direktorium. Andrea Maechlers Stellvertreter führt die Deviseninterventionen der SNB, sein Wort hat Gewicht. Im Allgemeinen seien die Stellvertreter aber operativ ausgelastet, sagen andere Quellen. Sie seien weniger Geldpolitik-Strategen als vielmehr Organisatoren des täglichen Bankgeschäfts. Auch die Direktoren selbst seien im Alltag oft mit Mikromanagement beschäftigt.

Ein Direktor des dritten Departements könne kaum viel freie Kapazität haben, um geldpolitische Grundsatzfragen zu studieren, wenn er sich bereits mit der Anlage von Wertschriften im Wert von 700 Milliarden Franken beschäftigen und obendrein die IT des Hauses managen müsse.

Die SNB verfüge über einen grossen Staff, beschwichtigt der Bundesrat weiter. Über dreissig Personen nähmen jeweils an der vierteljährlichen Lagebeurteilung teil, die den Entscheiden vorausgeht. Insider beschreiben den Prozess aber als eng strukturiert: Ökonomen stellen ihre Ergebnisse vor, das Direktorium stellt Rückfragen. Kaum ein Angestellter würde sich an einer solchen Sitzung aus dem Fenster lehnen und den Chefs widersprechen. Die SNB sieht das indes anders, sie beschreibt die Diskussionen als äusserst produktiv.

Kritik zielt nicht auf die Person

Wichtig an der Kritik ist, dass sie nicht auf die Person zielt. Thomas Jordan wird allseits respektiert. Die bescheidene, korrekte Art des 54-Jährigen kommt an. Er ist kein Dogmatiker, wie oft behauptet wird, sondern eher ein Pragmatiker. Jordan höre Mitarbeitern gerne zu, wird erzählt, auch wenn er ein Dickkopf sei und schwer von der eigenen Meinung abzubringen.

In der Fachliteratur wird allenthalben zwischen individualistischen und kollegialen Gremien unterschieden. Zudem gibt es «autokratisch-kollegiale» Gremien: Als Präsident in diesem Geldpolitik-Setting dürfte Jordan die Idealbesetzung sein.

Schwierigkeiten bei der Kommunikation

Die Frage ist, ob dieses Modell auch in Zukunft das richtige ist. Mehrere Leute aus dem Umfeld der SNB sind der Ansicht, dass die seit 1907 unveränderten Strukturen überholt werden müssten: Mehr Personen gehörten ins Direktorium. In der grösseren Gruppe entstehe eine stetigere und besser abgestützte Geldpolitik. Denn ein Präsident, der Mehrheiten in einer Siebnergruppe finden müsse, entscheide nun mal anders als ein Präsident, der nur zwei «Juniorpartner» neben sich habe.

Mit dem Support zusätzlicher Mitstreiter im Rücken würde der Präsident auch nach aussen mehr Sicherheit ausstrahlen, sagen die Gesprächspartner, die sich zu Auskünften gegenüber der «Handelszeitung» bereit erklärt haben – anonym, um es mit der SNB nicht zu verscherzen.

Dass es in puncto Aussenwirkung Defizite gibt, wurde Ende 2014 deutlich. Die SNB führte damals einen Negativzins ein, nur eine Woche nach der regulären Lagebeurteilung. Kurze Zeit später liess sie den Mindestkurs fallen und senkte den Zins erneut. Die Entscheide wirkten überhastet und angstgesteuert, der Auftritt nervös. Der Einbezug von mehr Personen hätte der Politik und der Kommunikation gut getan, wird argumentiert – nicht von allen, aber von vielen Geldpolitik-Experten.

Linientreuer Bankrat

Die SNB steht Änderungen jedoch kritisch gegenüber. Auf die Entrüstungswelle nach dem Frankenschock reagierte sie mit subtilem Lobbying. Ökonomen und Politiker, die Kritik äusserten, wurden zu Eins-zu-eins-Gesprächen mit dem Präsidenten eingeladen. Das Vorgehen zeuge von einer gewissen Dialogbereitschaft, rieche aber trotzdem nach Hinterzimmer-Demokratie, moniert ein Parlamentarier.

Abgeblockt wird die Debatte auch vom Bankrat, dem Aufsichtsorgan der SNB. Organisatorisch sei alles in Ordnung, sagte dessen Präsident Jean Studer an der jüngsten Generalversammlung knapp. Andersdenkende Aktionäre hatten es an der straff geführten Veranstaltung schwer, zu Wort zu kommen: Drei Minuten Redezeit gab es pro Wortmeldung, mehr nicht.

Das Risiko der Verpolitisierung

Thomas Jordan gilt als mächtigste Person des Landes. Politiker haben begonnnen, sich für ihn zu interessieren. Vorstös­se zur Transparenz, zum Instrumen­tarium und zur Organisation wurden eingereicht. Abgehakt ist nichts: Der Bericht des Bundesrats ist in der zuständigen Ständeratskommission traktandiert. Möglich, dass Bundesbern der SNB plötzlich stärker ins Geschäft redet, als es dieser lieb ist.

Eine Verpolitisierung wäre aber das Schlimmste, was einer Notenbank blühen kann. Laut einem Kenner wäre Jordan deshalb gut beraten, die kritischen Themen selbst anzugehen. «Es ist offensichtlich, dass die SNB sich bewegen muss.»

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