Die Flugzeuge am Boden. Passagiere und Mitarbeiter auf Flughäfen in aller Welt gestrandet. Zuschauer starren fassungslos in die TV-Geräte. Im Oktober 2001 gibt es die Swissair nicht mehr. 

Die Szenen in der schwärzesten Stunde der Schweizer Wirtschaftsgeschichte haben sich tief in das Gedächtnis von Thomas Minder eingebrannt - denn mit dem Grounding geriet ebenso seine Firma ins Wanken. 

Swissair-Grounding wirft Trybol aus der Bahn

Während der Ära von Swissair-Konzernchef Mario Corti vergab die Airline an Minders Trybol AG einen lukrativen Auftrag. Das Kleinunternehmen sollte für die «grosse» Swissair Handlotionen, Eau de Toilette, Feuchtigkeitscremes, Zahnpasten, Zahnbürsten und Lippenbalsam herstellen. 

Mit dem Bankrott der Fluggesellschaft wurde der Auftrag jedoch nicht nur hinfällig, sondern dem Hersteller von Mundwasser drohte der «Totalverlust» in Höhe von einer halben Million Franken. Das Familienunternehmen wankte, stand laut Minder «sehr nahe» am Abgrund. 

André Dosé rettet Thomas Minder

Nur weil sich die neue Swiss-Crew um André Dosé an die bestehenden Verpflichtungen erinnerte, konnte der 51-jährige Schaffhauser den Crash abwenden und verlor lediglich «ein paar Tausend Franken». 

Anzeige

Der Frust über das Swissair-Missmanagement und die Banker bei der UBS und Credit Suisse blieben aber. In einem offenen Brief forderte Thomas Minder den Bundesrat 2004 dazu auf, den Lohnexzessen ein Ende zu setzen. Daraufhin schaltete der Unternehmer 30 Inserate, welche ihn 50'000 Franken kosteten - die Idee der «Abzocker-Initiative» wurde geboren. 

Minders Eklat an der UBS-Generalversammlung

Seither führt der Unternehmer einen erbitterten Kampf gegen «überrissene» Gehälter und Boni. So erklärte der Aktionärsvertreter an der Generalversammlung der grössten Schweizer Bank im Jahre 2008,die «Geschichte der Nieten in Nadelstreifen müsse neu geschrieben werden».

Zudem bezeichnete der Schaffhauser die Führungsspitze um Präsident Marcel Ospel als «Versager-Team des Jahrhunderts». Als Thomas Minder seinem Kontrahenten ein Exemplar des Obligationenrechts überreichen wollte, führten die Sicherheitskräfte ihn wie einen Sträfling ab. Thomas Minder war sich keiner Schuld bewusst und verweist in der Zwischenzeit auf die Tatsache, dass sich der Topbanker im Nachgang der Affäre bei ihm entschuldigt habe. 

Auf seiner Mission nahm der Initiant neben Marcel Ospel aber auch andere Topkader ins Visier - darunter sein Namensvetter Thomas Limberger. Nachdem Minder den ehemaligen Konzernchef der Industriegesellschaft OC Oerlikon mehrfach der «Abzockerei» bezichtigt hatte, zerrte ihn Limberger vor den Richter. Limberger machte geltend, dass nach den «Verunglimpfungen» durch Thomas Minder, Morddrohungen gegen seine Person eingegangen seien.

Thomas Minder setzt sich gegen Limberger durch

Das Resultat: Das zuständige Gericht wies die Klage ab. In der Urteilsbegründung hiess es, dass die Entlöhnung von 7,7 Millionen Franken von Thomas Limberger für Aussenstehende durchaus als «überrissen» wahrgenommen werden könne - Wasser auf die Mühlen von Thomas Minder.

Streitlustig, ungeduldig und ein Einzelkämpfer. Das ist Thomas Minder. Mit diesen Charaktereigenschaften provoziert er selbst im Privat- und Berufsleben. «Die Begeisterung für die Initiative hielt sich in der Tat in Grenzen», erklärt der Trybol-Chef die Reaktion seiner Familie auf die Lancierung des Volksbegehrens. «Aber ich habe die Familie gar nicht um Erlaubnis gebeten», führt er weiter aus. 

Anzeige

Ultimatum des Vaters veränderte sein Leben

Diese Aussage erstaunt, sassen seine Eltern doch im siebenköpfigen Initiativkomitee. Einen Widerspruch kann er darin nicht erkennen. Schliesslich habe er die Familie gebraucht, um sicherzustellen, dass kein Komiteemitglied ausschere, sollte der politische Gegenwind zu rau werden. 

Auch seinem inzwischen verstorbenen Vater - Hans Minder - machte er das Leben schwer. Nachdem der 51-jährige an der Fordman Universität in New York den «Master of Business Administration» erwarb, trat er in dritter Generation in das Familienunternehmen ein. In Neuhausen – dem Firmensitz der Trybol AG – arbeitete er unter Firmenchef und Vater Hans als Prokurist, bis ein väterliches Telefonat sein Leben veränderte. «Mein Vater fragte mich an, ob ich die Firma übernehmen wolle».

Anzeige

Vater versus Sohn: Zwei Generationen prallen aufeinander

Obwohl der Sohn dieses Angebot laut eigenen Aussagen unvorbereitet traf, erwartete das Familienoberhaupt eine Antwort innert 24 Stunden. Eine schlaflose Nacht später gab Thomas Minder seinem Vater grünes Licht. Der Junior übernahm die operative Führung, der Vater blieb vorerst Verwaltungsratspräsident.

Die Zusammenarbeit gestaltete sich indes problematisch. Zu oft gerieten die beiden Alphatiere aneinander. Der Sohn wollte die Firma modernisieren, der Vater scheute das Risiko. «Da prallten zwei Generationen, zwei völlig unterschiedliche Strategien aufeinander».

Wie lief die Firmenübernahme ab? 

Der Verwaltungsratspräsident wollte ihn laut Aussagen von Thomas Minder sogar in die «geschlossene Anstalt» einliefern lassen, als dieser acht Zahnpasten mit verschiedenen Fruchtaromen herstellen wollte.  Es kommt zum Schnitt.

Anzeige

Darüber, wie die Firmenübernahme vonstatten geht, gibt es verschiedene Überlieferungen. Gegenüber dem «Tages-Anzeiger» sprach der Schaffhauser von einem Erbvorbezug. Im Gespräch mit diesem Redaktor räumte er ein, eine dritte Partei ins Boot geholt zu haben, um seinen Vater zu entmachten.

Minders Vater war bei Ecopop 

Thomas Minder ist ein Querkopf. Das liegt in seiner Natur. Schon sein Grossvater Werner bestach zu dessen Lebzeiten durch ein ausgesprochen eigensinniges und patriotisches Verhalten. Er erfand die Armbrust als Zeichen für Schweizer Produkte und lancierte kurze Zeit später noch die «Schweizerwochen». Dies alles sollte dem Zweck dienen, die Aufmerksamkeit der Konsumenten auf einheimische Waffen zu lenken.

Der Vater von Thomas Minder wird als unermüdlicher Kämpfer gegen den EWR-Beitritt und als jahrelanges Vorstandsmitglied von «Ecopop» in die Familiengeschichte eingehen. Zur Erinnerung: Der Verleger James Schwarzenbach versuchte 1970 mit seiner berühmten «Schwarzenbach-Initiative» die Schweiz vor der «Überfremdung» zu schützen. Das Volksbegehren scheiterte an der Urne. Die Überreste der Schwarzenbach-Befürworter gründeten Ecopop. 

Anzeige

Thomas Minder legte sich mit der SVP ins Politbett

Heute distanziert sich Ecopop von seinen Gründungsmitgliedern, wie dem Ehrenpräsident der Schweizer Demokraten Valentin Oehen. Vielmehr möchte sich Ecopop in der Öffentlichkeit als Umwelt- und Bevölkerungsvereinigung darstellen. Kein Wunder wirbt sie aus «ökologischen» Gründen für die Initiative «Stopp der Überbevölkerung», mit welcher Thomas Minder sympathisiert. 

Politisches Gespür wurde dem Schaffhauser in die Wiege gelegt. Diese Gabe liess den Kleinunternehmer vor vier Jahren aber im Stich. Im Gespräch mit diesem Redakteur gab er damals zu Protokoll, dass er im Kampf gegen die «Abzockerei» keinerlei politische Schützenhilfe benötige. «Stattdessen appelliere ich an die mündigen Bürger und deren Gedächtnis. Die Bevölkerung hat nicht vergessen, dass Missmanagement das Swissair-Grounding verursachte».

Anzeige

Thomas Minder zieht in den Ständerat ein

Von dieser Haltung hat sich der Schaffhauser im Laufe der Zeit meilenweit entfernt. Da die Wirtschaftselite und bürgerlichen Politiker die «Abzocker-Initiative» früh mit aller Kraft bekämpfen, sah sich der Trybol-Chef nach intensiven Verhandlungen mit Christoph Blocher dazu genötigt, mit der SVP gemeinsame Sache zu machen.

Thomas Minder würde seine Vorlage zurückziehen, sollte das Parlament dem «Einigungsvorschlag» zustimmen. Scheitert der Kompromissvorschlag im Bundeshaus, versprach Blocher dem Schaffhauser Unterstützung im Abstimmungskampf. 

National- und Ständeräte wollten von diesem Pakt nichts wissen und lieferten sich ein unwürdiges Schauspiel um den direkten oder indirekten Gegenvorschlag. Der Initiant löste den Pakt mit der Volkspartei und wirft dem Alt Bundesrat nun Wortbruch vor. 

Anzeige

Die Emmi-Abrechnung im Ständerat

Damit aber nicht genug: Der 51-jährige sieht keinen anderen Ausweg als 2011 als Parteiloser für den Ständerat erfolgreich zu kandidieren. Von jetzt an mischt der frischgebackene Ständerat die «Chambre de Reflexion» mächtig auf.

Die «Swissness»-Debatte in der kleinen Kammer benutzte Thomas Minder für eine persönliche Abrechnung mit dem Lebensmittelkonzern Emmi: «Ein ganz stossendes und immer wiederkehrendes negatives Beispiel ist das Unternehmen Emmi», erklärte Minder. 

Thomas Minder nimmt Victorinox ins Visier

Der angesprochene Ratskollege und Emmi-Verwaltungsrat Konrad Graber liess diese Attacke nicht auf sich sitzen und erinnerte den Trybol-Chef seinerseits an ein Urteil des Schaffhauser Obergerichts. Dieses verurteilte den Parteilosen vor wenigen Monaten wegen unlauteren Wettbewerbs. Die Justiz kam zum Schluss, Minder habe der Firma Emmi zu Unrecht vorgeworfen, Produkte im Ausland zu fabrizieren und diese als Schweizer Ware zu bezeichnen. 

Anzeige

Es ist nicht das erste Mal, dass der Schaffhauser Ständerat in die Fussstapfen seine Grossvaters tritt und die Marke Schweiz in Gefahr sieht. Im Jahre 2009 erwirkte Thomas Minder gegen das Traditionsunternehmen Victorinox Ermittlungen wegen Verstoss gegen das Marken- und Wappenschutzgesetz. Dies führte zur Blockierung einer Ladung eingeführter Victorinox-Produkte - das Verfahren gegen das innerschweizer Familienunternehmen verlief letztlich im Sande. 

Minder gegen Economiesuisse: Kampf David gegen Goliath

Diese Niederlage kann der Trybol-Chef verschmerzen, schliesslich hält ihn der Abstimmungskampf zur «Abzocker-Initiative» auf Trab. Im Zweikampf gegen Economiesuisse muss sich der Schaffhauser Unternehmer bisweilen wie der «Robin Hood des Aktionariats» fühlen.  Während er mit Pfeil, Bogen und einem Budget von 500'000 Franken die Burg erstürmen will, wird diese vom mächtigen Wirtschaftsdachverband mit einer «Kriegskasse» in Höhe von acht Millionen Franken verteidigt. 

Anzeige

Trotz dieser finanziellen Übermacht fürchtet Economiesuisse den Initianten so sehr, dass sie teilweise mit fragwürdigen Mitteln agiert. Die Werbeagentur «Werbeanstalt AG», welche im Auftrag von Economiesuisse die Kampagne gegen die Vorlage anführt, heuerte Studenten dafür an, um auf Online-Medien anonym Leser-Kommentare zugunsten des Gegenvorschlags zu posten. Die Werbeagentur hat die Kampagne mittlerweile gestoppt, Economiesuisse mag sich von ihr nicht distanzieren. 

Diese Vorkommnisse lassen dem Initianten jeweils die Zornesröte ins Gesicht steigen - und doch könnten sie sich für den Unternehmer im Endeffekt als heimlicher Wahlhelfer entpuppen: Wie aus einer Umfrage von Economiesuisse hervorgeht, werden am 3. März 77 Prozent für die Initiative stimmen. Es wäre der wohl grösste Triumpf eines getriebenen Mannes aus dem Kanton Schaffhausen. 

Anzeige