Weitgehend unbemerkt von der Weltöffentlichkeit spielt sich in der Sahara und der Sahelzone mutmasslich eine humanitäre Katastrophe ab. Die Flüchtlingskrise hat laut Experten zu einem tödlichen Boom der organisierten Kriminalität in Nordafrika und der Türkei geführt.

«Nach vorsichtigen Schätzungen sind über eine Million Menschen in der Sahara ums Leben gekommen», sagt der deutsche Staatssekretär für Entwicklung, Thomas Silberhorn. Es sei sehr schwierig, solche Zahlen zu verifizieren. Man könne aber davon ausgehen, dass sehr viel mehr Menschen auf dem Weg durch die Sahara gestorben seien als im Mittelmeer.

Kaum verlässliche Erkenntnisse

«Angesichts der entlegenen Region glauben wir, dass viele Todesfälle in der Sahara nicht entdeckt werden», sagt dazu Daniel Szabo, Sprecher der Internationalen Organisation für Migration (IOM) in Genf. Die Zahl von einer Million hält die IOM allerdings für stark überhöht.

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Zur Lage in der Sahara und der Sahelzone gibt es kaum verlässliche Erkenntnisse, auch westliche Medien sind dort quasi nicht präsent. Nach Berichten afrikanischer Flüchtlinge in Europa werden offenbar viele Migranten von Menschenhändlern in der Wüste ausgesetzt und verdursten, andere sterben womöglich bei Kämpfen rivalisierender Banden und Milizen.

Ein alarmierendes Bild der Lage zeichnet eine im Dezember erschienene Studie des südafrikanischen Institute for Security Studies (ISS) im südafrikanischen Pretoria und der in Genf ansässigen Global Initiative against Transnational Organized Crime, einem internationalen Netzwerk von Fachleuten gegen das organisierte Verbrechen.

Die Autoren Tuesday Reitano und Peter Tinti gehen nach Gesprächen mit Regierungsvertretern, Beamten, Militärs, Geheimdienstlern und Flüchtlingen rund ums Mittelmeer davon aus, dass die Krise zu einem Boom des organisierten Verbrechens geführt hat. Die kriminelle Hochkonjunktur wiederum trägt zu einem starken Anstieg der Flüchtlingszahlen bei.

Aktive Rekrutierung von Migranten

Zu den massgeblichen Faktoren zählen die zwei Fachleute sowohl den Zusammenbruch der Staatsordnung in Libyen als auch die italienische Rettungsaktion «Mare Nostrum» im Mittelmeer, die Aufwand und Kosten der Schmuggler erheblich reduzierte, weil Flüchtlinge in Seenot nun bereits in Küstennähe gerettet wurden. Das erhöhte wiederum den Anreiz, aktiv Migranten für das Schleppen nach Europa zu werben.

Als die italienische Regierung «Mare Nostrum» 2014 einstellte, waren die Schmuggelnetzwerke bereits so gross und profitabel geworden, dass sie ohne grosse Probleme weitermachen konnten. «Um die künstlich erhöhte Nachfrage aufrecht erhalten zu können, rekrutieren die Schmugglergruppen aktiv Migranten entlang der Hauptfluchtrouten und in den Herkunftsländern südlich der Sahara», heisst es in dem Papier.

Reitano und Tinti machen eine Beispielrechnung für den Menschenhandel in Ägypten auf: Demnach bedeutet jeder Transport von 50 Flüchtlingen für die Bosse der Schmuggelnetzwerke am Nil einen Profit von geschätzt 62'000 Dollar.

EU-Aussengrenzen vollständig kontrollieren

Mutmasslich wissen viele Migranten vorher um die Gefahren und nehmen die Reise dennoch auf sich - ein Indiz der Hoffnungslosigkeit in den Heimatländern. «Der Migrationsdruck aus Afrika auf Europa ist sehr viel grösser als wir bisher wahrnehmen», sagt Staatssekretär Silberhorn.

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Der Politiker plädiert dafür, den kriminellen Netzwerken ihr Geschäftsmodell zu nehmen, indem legale Einwanderungsmöglichkeiten geschaffen werden. «Das soll nicht bedeuten, dass wir die Zuwanderung weiter erhöhen, im Gegenteil», sagt Silberhorn. «Aber wenn man diese Schlepperstrukturen austrocknen will, muss man die Arbeitsmigration schon in den Herkunftsländern managen und nicht erst bei uns. Es darf nicht der Schlepper und Schleuser der einzige Anbieter auf dem Markt sein.»

Das setze freilich voraus, dass man die EU-Aussengrenzen vollständig kontrollieren könne. Silberhorn verweist darauf, dass neunzig Prozent der Flüchtlinge in den Entwicklungsländern aufgenommen werden, nicht in den Industriestaaten. «Wir können nicht alle bei uns aufnehmen. Es ist daher Teil unserer ethischen Verantwortung, dort zu helfen, wo die Not am grössten ist.»

Doch auf absehbare Zeit bleibt ein sehr beunruhigender Trend: Menschenhändler haben die Flüchtlingskrise zwar angeheizt - aber nicht verursacht. Quasi alle Fachleute sind sich einig, dass die weltweite Migration noch zunehmen wird.

(sda/chb)