Die türkische Polizei ist am Samstagabend mit Tränengas und Wasserwerfern gegen hunderte Demonstranten in Istanbul und Ankara vorgegangen. In Istanbul kam es zu Zusammenstössen nahe dem Taksim-Platz. Hunderte Menschen wurden von den Polizisten eingekesselt.

Auf der zum Taksim-Platz führenden Einkaufsmeile Istiklal Caddesi setzten Sicherheitskräfte Wasserwerfer und Tränengas ein. Bis dahin war der Protest friedlich verlaufen. Auch in Ankara versuchten die Sicherheitskräfte, etwa tausend Teilnehmer einer Kundgebung auseinanderzutreiben.

Aktivisten hatten zu Demonstrationen aufgerufen, um an den Beginn der Gezi-Proteste vor einem Jahr zu erinnern. Bis zum frühen Abend wurden nach Behördenangaben in Istanbul 65 Menschen in Gewahrsam genommen.

In der Nähe des Taskim-Platzes versammelten sich auch zahlreiche Vertreter internationaler Medien. Journalisten des US-Senders CNN wurden während eine Live-Reportage kurzzeitig festgenommen.

Gebiet abgeriegelt

Die Polizei hatte den symbolträchtigen Platz und den angrenzenden Gezi-Park bereits am Nachmittag abgeriegelt. Medienberichten zufolge sollen bis zu 25'000 Polizisten und 50 Wasserwerfer verhindern, dass Demonstranten auf den Taksim-Platz vordringen.

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Bosporus-Fähren brachten seit dem Nachmittag keine Passagiere mehr vom asiatischen zum europäischen Teil Istanbuls, wo der Taksim-Platz liegt. Die U-Bahn-Station am Taksim-Platz wurde geschlossen. Am Abend kreiste ein Polizeihelikopter über der Gegend.

Offene Drohungen

Die Regierung hatte versucht, mit offenen Drohungen und einem massiven Polizeiaufgebot die Proteste in Istanbul zu verhindern. Wer das Demonstrationsverbot auf dem Taksim-Platz missachte, müsse mit einem harten Durchgreifen der Sicherheitskräfte rechnen, kündigte Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan vor Beginn der Kundgebung am Samstag an.

Bereits am Freitag hatte Erdogan in einer Rede vor rund tausend Jugendlichen in Istanbul seine Landsleute aufgefordert, nicht an den Demonstrationen teilzunehmen. Er sprach von "Terrororganisationen", die die "moralisch und finanziell schwache Jugend" der Türkei manipuliert hätten, um die Einheit und die Wirtschaft des Landes in Gefahr zu bringen.

Trotzdem riefen mehrere Aktivistengruppen zu neuen Protestaktionen in Istanbul, Ankara, Izmir und anderen Städten auf. In einem Park in Ankara erinnerten Aktivisten am Nachmittag an einen 26-jährigen Demonstranten, der im vergangenen Jahr von der Polizei durch einen Kopfschuss getötet wurde.

Landesweite Proteste gegen Regierung

Ende Mai vergangenen Jahres hatten sich Demonstrationen von Umweltschützern gegen die geplante Abholzung von Bäumen im Gezi-Park am Taksim-Platz binnen kurzer Zeit zu landesweiten Massenprotesten gegen die Regierung ausgeweitet.

Die türkischen Sicherheitskräfte gingen mit Gewalt gegen die Demonstranten vor, mindestens sieben Menschen starben, tausende wurden verletzt. Politische Kundgebungen im Gezi-Park und auf dem angrenzenden Taksim-Platz sind mittlerweile verboten.

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Der 20-jährige Demonstrant Öguz Demir sagte am Samstag mit Blick auf die Toten der Gezi-Proteste 2013 und das Grubenunglück von Soma am 13. Mai: "Wir wollen an die Toten von Gezi und Soma erinnern, aber man lässt uns nicht auf den Taksim. Was ist das für ein Staat?"

Die 29-jährige Lehrerin Nesrin Özgür kritisierte: "Erdogan hat das Land gespalten. Jeder, der seine Menschenrechte einfordert, wird festgenommen."

(sda/chb)