Teuer, ungerecht und ein Affront für die Opfer: Die Empörung über das aufgehobene Urteil gegen Stephan Schmidheiny ist gross in Italien. «Wie kann man eine solche Entscheidung in zwei Stunden fällen?», fragt die Lokalzeitung Casalenews erschüttert.  Es sei die «schwärzeste Nacht der jüngeren Geschichte von Casele», heisst es weiter. Am Morgen demonstrierten die Bürger der Stadt gegen den Entscheid.

Der Ort im Piemont ist schwer von den Asbest-Fällen betroffen, in der Region sassen bis 1986 Eternit-Fabriken, sie alle im Besitz der Schweizer Familie Schmidheiny. 3000 Tote und Kranke hat die Belastung mit dem Schadstoff in Italien seit den 1950er Jahren gefordert, jedes Jahr sterben rund 50 Menschen an den Folgen. Er sei «erschüttert, enttäuscht und zutiefst indigniert», sagte Sergio Chiamparino, der Präsident der Region Piemont, als er von der Entscheidung des Kassationsgerichtes in Rom erfuhr.

Vorfälle fallen unter die Verjährungsfrist

Das höchste Gericht Italiens hat am Mittwochabend die Entscheidung der Vorinstanz in Turin annulliert. Diese hatte den Schweizer Milliardär im Juni 2013 zu 18 Jahren Haft und einer Busse von 90 Millionen Euro verurteilt. Jetzt wurde entschieden: Die Vorfälle fallen unter die Verjährungsfrist von 20 Jahren, da die letzte Eternit-Fabrik in Italien 1986 geschlossen hat. Noch im Gerichtssaal brandete Wut auf. «Schande, Schande», riefen die Angehörigen der Opfer, die im Gerichtssaal präsent warten.

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Schmidheiny war als junger Mann in das Familienunternehmen eingetreten und führte von 1976 bis 1989 dessen Geschicke. Der italienische Teil der Fabriken musste schliessen, der Schweizer Konzern verschmolz 1989 mit der Holderbank – ebenfalls im Familienbesitz – zum heutigen Holcim-Konzern.

Schmidheiny sucht Schutz vor «ungerechtfertigten Prozessen»

Der in Zürich lebende Stephan Schmidheiny betont wiederholt, dass er seit seinem Eintreten in die Führungsspitze des Konzerns die Verwendung von Asbest-Materialien abgebaut hatte, bis der Konzern Anfang der 1990er auf solche Produkte vollständig verzichtete. Im Anschluss an das Urteil äusserte er sich, dass er hoffe, Italiens Justiz schütze ihn jetzt vor weiteren «ungerechtfertigten Prozessen». Schmidheiny wehrt sich dagegen, dass für die Folgen der Asbestverarbeitung er als Einzelperson belangt werden soll.

Dieser Ansicht ist auch der Schweizerische Gewerkschaftsbund. Das gestrige Urteil zeige, dass der Weg über das Strafrecht für die Lösung der Asbestprobleme ein steiniger sei, heisst es in einer Mitteilung des SGB. Darum forderten die Gewerkschaft einen Runden Tisch, um einen Entschädigungsfonds für die Opfer zu schaffen. In der Schweiz haben Asbestopfer ohnehin keine Aussicht darauf, ihr Recht vor Gericht zu erwirken – hier gilt eine Verjährungsfrist von zehn Jahren.

Debatte über das Rechtssystem

Auch in Italien hat das Urteil eine erneute Debatte über das Rechtssystem losgetreten. «Es ist ein Albtraum mit der Verjährung», äussert sich Premier Matteo Renzi in einem Radiointerview. «Entweder sie sind unschuldig oder sie sind schuldig, aber die Sache ist bereits verjährt», sagte er über prominente italienische Justizfälle. «Wir müssen dafür sorgen, dass Prozesse schneller abgehandelt werden und wir müssen die Regeln für Verjährung ändern.»

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Gerade an einem Durchgreifen von Seiten des Regierungsführers hat Gerichtsreporterin Liana Milella aber arge Zweifel. «Es ist das übliche Chaos», kommentiert sie in ihrem Blog auf «La Repubblica». Bewegen werde sich nichts.

Einer jedoch hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben: der Turiner Staatsanwalt Raffaele Guariniello. «Das Urteil ist keine Absolution. Die Schuld liegt vor», sagte er. Guariniello strebt ein neues Verfahren an – dieses Mal geht es um 213 Tote, für deren Sterben Schmidheiny verantwortlich gemacht werden soll.