Ungeachtet des wachsenden Flüchtlingselends im Gazastreifen und der internationalen Kritik treibt Israel seine Militäroffensive voran. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu kündigte an, die Armee werde die Tunnel der palästinensischen Hamas unter der Grenze unter allen Umständen zerstören.

«Wir sind entschlossen, diesen Einsatz zu Ende zu bringen - ob mit oder ohne Waffenruhe», sagte Netanjahu vor einer Kabinettssitzung am Donnerstag in Tel Aviv. Die Armee benötigt dafür nach eigener Darstellung noch einige Tage.

Keine Waffenruhe in Sicht

Alle Aufrufe etwa der UNO oder der USA an die Konfliktparteien für eine sofortige Waffenruhe blieben fruchtlos. «Ich werde keinem Vorschlag zustimmen, der das israelische Militär nicht in die Lage versetzt, diese wichtige Aufgabe im Namen der Sicherheit Israels zu erfüllen», sagte Netanjahu.

Verteidigungsminister Mosche Jaalon sagte, die Armee habe der im Gazastreifen herrschenden Hamas im Verlauf der Offensive «riesigen, nie dagewesenen Schaden» zugefügt. «Wir werden nicht nachlassen, bis wieder Ruhe und Sicherheit herrschen.»

Die Hamas versuche, die grosse Zahl ihrer getöteten Kämpfer zu verbergen. «Die Hamas zahlt einen sehr hohen Preis.»

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Mehr Reservisten einberufen

Die israelischen Streitkräfte verkündeten ausserdem, sie würden weitere 16'000 Reservisten mobilisieren. Damit stieg die Zahl der Reservisten, die seit Beginn der Gaza-Offensive am 8. Juli eingezogen wurden auf 86'000.

Laut einer Armeesprecherin sollen mit den neuen Kräften die bisher eingesetzten Bodentruppen entlastet werden. Zugleich sicherten die USA ihrem engen Verbündeten zu, seine Munitionsvorräte trotz der Kritik an den zivilen Opfern aufzustocken.

Hoher Blutzoll in Gaza

Seit Beginn der israelischen Offensive gegen die Hamas am 8. Juli wurden bis Donnerstag fast 1400 Palästinenser getötet, die meisten davon Zivilisten. Auf israelischer Seite starben 56 Soldaten bei den Kämpfen und drei Zivilisten durch Raketenbeschuss der Hamas. 225'000 Palästinenser sind in 86 Einrichtungen des UNO-Hilfswerkes UNWRA geflüchtet.

UNWRA-Sprecher Chris Gunness brach in Tränen aus, als er gebeten wurde, die Lage der Flüchtlinge zu beschreiben. «UNRWA ist in Gaza völlig überlastet», sagte Gunness. «Wir haben die Grenze der Belastbarkeit überschritten. Unsere Mitarbeiter werden getötet, unsere Unterkünfte quellen über. Wo soll das enden?»

Internationale Kritik an Israel

Auch mehrere der UNO-Schulen, in denen Zivilisten Unterschlupf suchen, wurden beschossen, was sowohl bei UNO als auch bei den USA auf harsche Kritik stiess. Erst am Mittwoch waren beim Beschuss einer UNO-Schule in Dschebalja 15 Menschen getötet worden.

UNO-Menschenrechtskommissarin Navi Pillay warf Israel die «vorsätzliche Missachtung» des internationalen Rechts vor. Es gebe ein «Muster», nach dem Wohnhäuser, Schulen, Spitäler und UNO-Einrichtungen im Gazastreifen angegriffen würden, kritisierte sie am Donnerstag in Genf.

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«Nichts von alledem scheint mir zufällig», so Pillay. Die Verantwortlichen müssten zur Rechenschaft gezogen werden, Straflosigkeit könne nicht akzeptiert werden.

Selbst die USA kritisieren Israel

Sogar die USA kritisierten Israel scharf. Der Granatangriff auf eine UNO-Einrichtung, in der unschuldige Zivilisten Schutz vor der Gewalt gesucht haben, sei «absolut inakzeptabel und nicht zu rechtfertigen».

UNRWA-Chef Pierre Krähenbühl sagte gegenüber dem Westschweizer Fersehen RTS, sie hätten Israel mehrere Male über die Anwesenheit von 3300 Flüchtlingen informiert. Er handle sich bereits um den sechsten israelischen Angriff auf UNO-Gebäude und Spitäler.

Dringlichkeitsappell für Soforthilfe

Krähenbühl warnte angesichts der Vielzahl an Flüchtlingen auch vor dem Auftreten von Krankheiten. Nach dem Beschuss des einzigen Kraftwerks ist der Gazastreifens ohne Strom. Auch das Trink- und Abwassersystem ist beschädigt.

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Das UNO-Hilfswerk startete einen Dringlichkeitsappell für eine Soforthilfe über 187 Millionen US-Dollar, um Betten und Grundversorgungsgüter für die steigende Zahl von Vertriebenen zu beschaffen.

Insektizide und Arzneimittel würden benötigt, um die sich in den Unterkünften ausbreitenden Läuse und die Krätze zu bekämpfen. Sauberes Wasser, Nahrungsmittel und Medikamente seien knapp und würden an Flüchtlingsfamilien verteilt. Hunderttausende traumatisierter Kinder benötigen nach UNO-Angaben dringen psychische Unterstützung.

(sda/gku)