Donald Trump kündigt Strafzölle auf Stahl und Aluminium an. Eine gute Sache?
Edward McMullen: Präsident Trump machte schon im Wahlkampf klar, dass unter ihm die USA nicht mehr übervorteilt werden – weder beim Militär noch beim Handel. Er nimmt sich nun einer wichtigen Frage der nationalen Sicherheit an.

Nationale Sicherheit oder nicht einfach Protektionismus für einheimische Stahlkocher?
Wir müssen den genauen Inhalt des neuen Steuerregimes abwarten. Wir kennen den genauen Fokus noch nicht und können noch nicht sagen, was die Massnahmen bewirken. Bevor ich den genauen Inhalt kenne, werde ich die angekündigten Zölle nicht kommentieren – das wäre reine Spekulation.

Trump-Mann
Name: Edward «Ed» McMullen jr.
Funktion: US-Botschafter für die Schweiz und Liechtenstein mit Sitz in Bern
Alter: 53
Familie: verheiratet, zwei Kinder
Ausbildung: Studium Politische Wissenschaften Hampden-Sydney College, Virginia
Karriere:
- 1986 bis 1989: Direktor bei der konservativen Heritage Foundation
- 1990 bis 2004: Direktor beim liberalen Think-Tank South Carolina Policy Council
- 2005 bis 2017: Gründer und Leiter der Beratungsfirma McMullen Public Affairs in South Carolina, Mitglied von Trumps Übergangsteam und stv. Leiter Inaugurationskomitee
- Seit 2017: Botschafter
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Sie arbeiteten beim liberal-konservativen Think-Tank Heritage Foundation. Dieser lehnt Strafzölle ab.
Für die Heritage Foundation habe ich vor dreissig Jahren gearbeitet, nun arbeite ich für den Präsidenten der USA. Er hat stets betont, dass alle unsere Handelsbeziehungen und übrigen Beziehungen darauf basieren müssen, was im besten Interesse der USA ist – am besten für die Aussenpolitik, am besten für unsere Wirtschaft, am besten für die Arbeitnehmer. Und genau darauf ist er jetzt fokussiert. Wenn die Details nächste Woche veröffentlicht werden, können Sie mich gerne anrufen.
 

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Edward McMullen: Er kennt Trump seit den 1980er-Jahren.

Quelle: Daniel Rihs

Das «Wall Street Journal» schreibt in einer Ausgabe über «Trumps Strafzoll-Torheit».
Hab ich nicht gesehen. Aber es ist interessant: Da wird ein Plan kommentiert, der im Detail noch gar nicht vorliegt. Worum geht es im Artikel?

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Es drohten Retorsionsmassnahmen, eine Verteuerung der Importe könnte Industriejobs eliminieren.
Nun, ich stütze mich nicht auf Artikel, die einen Entscheid des Präsidenten kommentieren, der noch gar nicht veröffentlicht ist. Das ist das Problem mit einigen Medien: Sie führen Diskussionen, bevor sie die Fakten kennen.

Trump sieht sich als Mann der Wirtschaft. Hat er in seinem ersten Jahr mehr erreicht als Vorgänger Obama?
Tolle Frage. Die Wirtschaftspolitik ist das Gebiet, in der sich die Regierung Trump am stärksten von der seines Vorgängers unterscheidet. Trump betonte schon während seiner Kampagne den negativen Einfluss von Regulierungen auf die Wirtschaft. Deswegen hat er sich umgehend dieses Problems angenommen. Fakt ist, Regulierung verbreitet sich seit Jahren ungebremst – nicht nur unter Präsident Obama, sondern auch unter republikanischen Präsidenten.

In den ersten 14 Monaten hat die Börse unter Trump um 24 Prozent zugelegt, unter Obama waren es 35 Prozent. Was sagt das?
Diese Zahlen kenne ich nicht, aber was ich weiss: Ein derart starkes Realwachstum wie jetzt haben wir in den USA seit Generationen nicht mehr erlebt. Wenn Sie in die USA reisen, treffen Sie ein anderes Land an. Die Konsumenten sind so optimistisch wie seit langem nicht mehr.

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Edward McMullen: Er mag italienische Weine.

Quelle: Daniel Rihs
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Jetzt soll alles anders werden?
Absolut. Präsident Trump fordert, dass für jede neue Regulierung zwei alte, überflüssige Vorschriften wegfallen. Tatsächlich sind 2017 für jede neue Regulierung 22 aufgehoben worden. Das hat tiefgreifenden Einfluss auf die Investitionsneigung in den USA. Sie sehen nun in Kombination mit der Steuerreform markante Veränderungen, von denen die Wirtschaft ungemein profitiert. Mit dieser Leistung wird die Trump-Regierung in Erinnerung bleiben.

Davon profitieren Schweizer Firmen?
Klar, die Schweiz ist eines der Länder mit den höchsten Direktinvestitionen in den USA. Nicht umsonst betont der Präsident immer wieder: Wenn die US-Wirtschaft wächst, profitiert die europäische Wirtschaft. Seine Wirtschaftspolitik im ersten Jahr war unglaublich erfolgreich. In den Umfragen erhält Trump eine Zustimmung von 52 Prozent. Davon spricht leider niemand. Zur gleichen Zeit lag Obamas Beliebtheit bei nur 43 Prozent. Glauben Sie mir: In den USA reagieren die Leute extrem positiv auf Trumps Erfolge.

Sie meinen: Die Erfolge Trumps werden in der Schweiz zu wenig wahrgenommen?
Nein, ganz im Gegenteil. Sie werden in der Schweiz gewürdigt, seit Trump am World Economic Forum in Davos seine Agenda für die Wirtschaft präsentieren konnte. Vor allem die Schweizer Wirtschaft ist äusserst positiv gestimmt, weil sie ihre Chancen in den USA erkennt. Jeder Unternehmer sagt mir: Der Präsident hat sich erklärt, das hat geholfen, ihn besser zu verstehen. Das würde nun helfen, produktiv mit den USA zu geschäften.

Gilt dieses Wohlwollen auch für die Schweizer Politik?
Ja, auch die Schweizer Politik ist gegenüber der Regierung Trump äusserst positiv eingestellt. Letztes Jahr war es für die Leute vielleicht noch schwierig zu verstehen, wie Trump tickt, weil Botschafterposten in Europa monatelang unbesetzt waren. Ich gebe zu: Hier in Europa ist es enorm schwierig, Trump richtig zu verstehen, weil die Medien in New York und Washington negativ eingestellt sind. Diese Medien sprechen lieber nicht über die bahnbrechenden Reformen Trumps.

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Donald Trump hat sich auf Twitter als «Genie» bezeichnet. Auch Ihre Meinung?
Der Präsident ist einer der intelligentesten Köpfe, die ich je kennengelernt hab. Er hat eine riesige, erfolgreiche Firma aufgebaut. Ich glaube, Bundespräsident Berset und Wirtschaftsminister Schneider-Ammann haben sein Wissen, seine Erfahrung und sein Engagement in Davos gespürt. Ich durfte ihn bei seinen Meetings am WEF beobachten, da hat sich gezeigt, dass er die Dossiers besser kannte als die allermeisten am Tisch. Diesen Eindruck haben auch jene Topleute aus der Schweizer Wirtschaft, mit denen er sich besprach. Er kennt die brennenden Themen, er spricht sie an, treibt sie voran, will Erfolge. Dieses Bild wird in den Medien leider oft nicht gespiegelt, viel lieber fokussieren sie auf Nebensächliches und Negatives. Dabei ist er ein äusserst intelligenter, gut informierter und charismatischer Leader.

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Edward McMullen: Er ist aus Charleston im US-Bundesstaat South Carolina nach Bern gekommen.

Quelle: Daniel Rihs
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Die Schweiz ist daran, ihr Steuersystem zu reformieren. Stichwort: Steuerreform 17. Steht die Schweiz nun noch mehr unter Druck, weil die USA ihre Sätze von 35 auf 21 Prozent gesenkt haben?
Die globale Wirtschaft ist eng verflochten. Die USA standen seit langem unter Druck von Ländern mit kompetitiveren Steuersystemen. In der Vergangenheit haben unsere Regierungen diesem Nachteil keine Beachtung geschenkt. Die Folgen: Konzerne horteten ihre Gewinne im Ausland und tätigten ihre Innovationen dort. Der Präsident hat mit seinem Background als Geschäftsmann das Problem erkannt. Dank der Steuerreform werden die Staatseinnahmen steigen. So müssen auch andere Länder realisieren, was die USA erkannt haben: Steuern senken ist eine gute Politik und führt zu höheren Einkünften.

Es gibt namhafte Ökonomen, die vor einem gigantischen Staatsdefizit warnen.
Die ewige Frage: Wollen wir einen Staat, der Steuern erhebt und freizügig Ausgaben tätigt? Das ist das sozialistische Modell. Oder wollen wir einen Staat mit einer dynamischen Wirtschaft, in dem die Steuern tief sind, wo sich investieren lohnt? Dies gilt es abzuwägen. Der Präsident und der Grossteil der amerikanischen Gesellschaft wollen eine dynamische Wirtschaft. Unsere Wirtschaft war immer kapitalistisch ausgerichtet und setzt nun auf tiefere Steuern und einen schlankeren Staat. Dank diesem Modell sind die USA das erfolgreichste Land der Welt.

Droht nicht die Gefahr einer Überhitzung?
Ich sehe eine äusserst dynamische US-Wirtschaft. Der Motor läuft rund, die Börsenkurse steigen. Die Mittelklasse hat jahrzehntelang gelitten, ihre Löhne stagnierten. Die Regierung Trump hat mit ihrer breiten Steuersenkung das Einkommen einer Durchschnittsfamilie um 4000 Dollar erhöht. Ich sehe nicht, welchen negativen Effekt das haben könnte. Eine starke US-Wirtschaft stärkt die europäische Wirtschaft.

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Welche Schweizer Sektoren werden vom Wirtschaftswachstum profitieren? Jene Firmen, die Infrastruktur verkaufen?
Ohne Zweifel. Das Infrastrukturprogramm, welches Trump im Februar vorlegte, war überfällig. Die Schweiz hat ausgezeichnete Firmen, die mitspielen können, Tunnelbauer oder Zementhersteller. Von den Ausschreibungen für das Infrastrukturprogramm dürfte die Schweiz unglaublich profitieren.

Das Infrastrukturprogramm und die Steuerkürzungen müssen finanziert werden. Wie, steht in den Sternen.
Solche Investitionen zu finanzieren, ist tatsächlich nicht einfach. Für diesen Präsidenten ist aber nicht entscheidend, ob etwas einfach ist oder nicht. Entscheidend ist für ihn, dass wir Amerika wieder grossartig machen. Er hat von Anfang an betont, dass zuerst die Infrastruktur verbessert werden muss, damit Amerika wieder «great» sein kann. Die Autobahnen, Brücken, Flughäfen oder die Eisenbahn – alles ist alt. Die Probleme sind jahrzehntelang nicht angepackt worden. Dieser Präsident ist bereit, einen harten Entscheid zu treffen, um dies zu ändern.

Was macht Sie so zuversichtlich, dass Trump sein Infrastrukturprogramm umsetzt? Viele Präsidenten haben eins angekündigt. Passiert ist nichts.
Es gab noch nie einen Präsidenten, der sich die Verbesserung der Infrastruktur bereits im Wahlkampf auf die Fahne geschrieben hatte. Trump wird Erfolg haben, weil auch die Kongressmitglieder das Problem verstehen. Sie reisen schliesslich regelmässig durchs Land und sehen das Problem mit eigenen Augen. Es ist ein grundlegendes Problem, und es ist dringlich – auch für die Wähler. Trump ist es ernst. Er hat klargemacht, dass er mit dem Kongress Lösungen finden wird, um das Infrastrukturprogramm zu finanzieren.

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Ist es Ihnen gelungen, ein Privatkonto bei einer Schweizer Bank zu eröffnen?
Ja, kein Problem. Ich wickle darüber vielfältige Zahlungen ab. Und es funktioniert bestens. Weshalb fragen Sie?

Doppelbürger, Amerikaner in der Schweiz und Schweizer in den USA wurden von Schweizer Banken abgewiesen. Weil Aufwand und Risiko viel zu gross sind.
Es gab 24 Banken, die mit der Botschaft zusammengearbeitet haben, um das Problem mit den Amerikanern im Ausland zu beheben. Dieses Thema ist durch. Heute fühlen sich die Banken wohl mit US-Kunden. Das sieht man auch daran, dass man in New York keinen Schuss abfeuern kann, ohne eine Filiale der UBS oder der Credit Suisse zu treffen (lacht). Und was ich immer wieder meinen Freunden in den USA erkläre: Der Erfolg der Schweizer Banken basierte nicht auf dem Bankgeheimnis, sondern auf Brillanz.

Es gibt Banken, etwa die ZKB, die auf eine Einigung mit der US-Justiz warten – seit sieben Jahren. Das sind italienische Verhältnisse.
Das Justizministerium ist an der Arbeit; es sind ja nur noch wenige Banken in diesem Prozess. Und dann verweise ich darauf, dass ich für die Exekutive tätig bin, diese ist von Untersuchungsbehörden und der Justiz getrennt. Die Feedbacks, die ich aus der Privatwirtschaft höre, lauten: Man nähert sich dem Programmende.

Apropos Italien: Sie seien stolzer Besitzer eines Chianti-Weinguts in der Toscana?
So weit würde ich nicht gehen. Ich bin beteiligt an einem Weingut in der Chianti-Region, das einem Freund gehört. So habe ich das Privileg, dass ich Gästen in der Residenz den eigenen Wein auftischen kann.

Wie wird der Jahrgang 2017?
Kann man noch nicht abschätzen. Aber der 14er war fantastisch. Ich habe Freude am Wein – ein Hobby, das mich einiges kostet.

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Dann kennen Sie auch Schweizer Weine?
O ja. Ich war schon früher oft in der Schweiz und war beeindruckt von den Weinen, gerade von jenen aus den kleineren Kellereien. Haben Sie die Weissweine aus dem Tessin schon probiert? Phänomenal. Ich sehe für die Branche Potenzial für Exporte in die USA, kann aber verstehen, wenn die Schweizer ihren Wein lieber selber trinken (lacht).

Nach Strafzöllen auf Stahl folgten dann wohl Strafzölle auf Schweizer Wein?
Davon habe ich nichts gehört (lacht). Aber lassen Sie mich eines klarmachen. Unser Präsident wird von einigen Leuten als Protektionist verunglimpft, aber das ist er mit Sicherheit nicht. Er ist ein passionierter Advokat des freien Handels und steht voll in der Tradition eines Adam Smith, des Vaters des Freihandels.

Dazu passen Strafzölle nicht.
Präsident Trump ist für fairen, offenen Handel, der auf Reziprozität basiert. Über Jahrzehnte haben die USA bei Handelsabkommen nicht diesen Standards nachgelebt. Zum ersten Mal seit vielen Jahren nimmt nun ein Präsident für sich in Anspruch, Handelsverträge genauer unter die Lupe zu nehmen. Für ihn ist wichtig, dass diese Verträge ausgewogen und fair sind und dass sie für beide Seiten gelten – also in der klarsten Form, wie sie Adam Smith im Buch über den Reichtum von Nationen vorgegeben hat.

Die Schweiz hat Interesse an einem Freihandelsabkommen. Zeit für einen Deal?
Die Administration ist immer interessiert daran, Opportunitäten zwischen beiden Ländern zu diskutieren. Und Handel ist eines der grossen Themen auf der Agenda. Im Übrigen gab es diese Diskussionen ja mal vor zehn Jahren, dann sind sie an der Landwirtschaft gescheitert.

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Also ein neuer Anlauf?
In den letzten Jahren haben sich viele Dinge geändert. In den USA hat man gemerkt, dass die Schweiz tolle Agrarprodukte hat. Neben Wein denke ich an Käse. Da gibt es grosse Exportchancen, denn Amerikaner lieben Schweizer Produkte. Ich sehe kein grundsätzliches Problem, das einen ehrlichen und fairen Dialog behindern würde.

Das heisst: Sie begrüssten eine Wiederaufnahme der Verhandlungen?
Es geht nicht um mich, sondern um die Interessen der Trump-Administration. Meine Aufgabe ist es, alle nötigen Informationen und Einschätzungen Washington zur Verfügung zu stellen. Und ich kann nur sagen, dass wir interessiert wären an Diskussionen mit der Schweiz, um Opportunitäten auszuleuchten.

Was funkelt an Ihrem Handgelenk? Eine Schweizer Uhr?
Absolut, eine Patek Philippe. Das Geschenk meiner Frau zum Hochzeitstag. Sie sehen, sie hat Geschmack.

Sie waren stets in der Privatwirtschaft tätig. Wie haben Sie den Wechsel in den Staatsdienst verdaut?
Nun, Rex Tillerson war ein sehr erfolgreicher CEO, bevor er Aussenminister wurde. Er bringt einen grossartigen Erfahrungsschatz ins Aussenministerium ein. Und dann habe ich hier in Bern ein tolles Team. Die Botschaft in Bern hat einen hohen Stellenwert. Alle, die hier anpacken, haben diverse Aussenstellen erlebt und bringen viel Erfahrung mit. Das spürt man: Wir haben zehn Tage vor dem WEF erfahren, dass der Präsident nach Davos kommt. Innert Tagen haben wir eine höchst komplexe Operation auf die Beine gestellt. Dies wurden auch an höchster Stelle in den USA zur Kenntnis genommen.

Ihr Vorgänger in Bern, Don Beyer, ging in die Politik. Nun sitzt er für Virginia im Repräsentantenhaus. Ein Vorbild?
Schreiben Sie in der «Handelszeitung» in Grossbuchstaben: Ich werde mich nie um ein politisches Amt bemühen. Ich träume eher davon, irgendwann zurück in South Carolina zu sein, auf der Veranda meines Hauses zu sitzen, den Vögeln zu lauschen und den Schlick an der Küste zu riechen.

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Oft wird die Stelle des Kommunikationschefs im Weissen Haus frei. Keine Option?
No, Sir. Ich freue mich auf weitere drei Jahre in Bern und freue mich, wenn ich zur Erfüllung von Präsident Trumps Agenda einen Beitrag leisten kann. Ich bin stolz darauf, einem Präsidenten zu dienen, der wie ein Laserstrahl darauf fokussiert ist, Versprechen, die er dem amerikanischen Volk gemacht hat, zu erfüllen.