Die türkische Polizei hat bei Razzien in Istanbul zahlreiche Journalisten festgenommen. Insgesamt sei die Festnahme von 35 Medienvertretern angeordnet worden, meldete der Sender CNN Türk am Donnerstag. Ein Redaktor der regierungskritischen Zeitung «Birgün» sei unter den bereits Festgenommenen.

Den Journalisten würden Verbindungen zur Bewegung um den Prediger Fethullah Gülen vorgeworfen, die die türkische Führung für den Putschversuch im Juli 2016 verantwortlich macht. Laut CNN Türk werden sie beschuldigt, den Messenger-Dienst ByLock benutzt zu haben.

Umstrittener «Beweis»

Über den Messenger-Dienst sollen Gülen-Anhänger unter anderem über die Vorbereitung des Putschversuchs kommuniziert haben. Die Nutzung von ByLock wird von den türkischen Justizbehörden als ein wichtiger Beweis für die Mitgliedschaft in der Gülen-Bewegung angeführt. Dieses Vorgehen ist jedoch äusserst umstritten.

Die App soll dem Bericht zufolge von einem Mitglied der Gülen-Bewegung in den USA entwickelt und praktisch ausschliesslich von ihren Mitgliedern zur verschlüsselten Kommunikation benutzt worden sein. Dem türkischen Geheimdienst soll es 2015 gelungen sein, in den Server des Programms einzudringen, was ihm ermöglicht hätte, zehntausende Nutzer der App zu identifizieren.

Dienst war frei verfügbar

Nach Angaben der Regierung wurde ByLock zur Planung des Putschversuchs verwendet. Berichten zufolge benutzten die Gülen-Anhänger aber zu diesem Zeitpunkt die App nicht mehr, da sie gemerkt hatten, dass diese nicht länger sicher ist. Kritiker verweisen zudem darauf, dass ByLock frei im Internet verfügbar war und nicht nur von Gülenisten verwendet wurde.

Dennoch wurden seit dem Putschversuch bereits tausende mutmassliche ByLock-Benutzer festgenommen, darunter auch der türkische Amnesty-Vorsitzende Taner Kilic. Wie viele Betroffene bestreitet der Menschenrechtler und Anwalt die Benutzung der App sowie die Mitgliedschaft in der Gülen-Bewegung.

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100'000 Staatsbedienstete entlassen

Die Gülen-Bewegung gilt in der Türkei als Terrororganisation. Unter dem nach dem Putschversuch verhängten Ausnahmezustand gehen die türkischen Behörden rigoros gegen angebliche Gülen-Anhänger vor. Zehntausende wurden verhaftet, zahlreiche Medien geschlossen und mehr als 100'000 Staatsbedienstete per Notstandsdekret entlassen oder suspendiert.

(sda/gku)