Der dritte Anschlag in der türkischen Hauptstadt Ankara binnen fünf Monaten heizt den Kurdenkonflikt weiter an. Nach der Explosion mit 37 Toten setzt die Regierung, welche von einer Täterschaft der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) ausgeht, auf Härte. Wenige Stunden nach dem Anschlag vom Sonntagabend, bei dem auch mehr als 120 Menschen verletzt wurden, bombardierten türkische Streitkräfte am Montag mit elf Kampfflugzeugen Stellungen der PKK im Nordirak. Unter den 18 Zielen waren laut Armee Schutzräume der PKK und Waffendepots.

Über die Stadt Sirnak verhängte die Regierung dafür auf unbestimmte Zeit eine Ausgangssperre, wie sie bereits in der Nacht zum Montag in den Städten Nusaybin und Yüksekova in Kraft trat. In Nusaybin und Yüksekova wurden nach Armeeangaben vom Montag insgesamt 19 PKK-Kämpfer getötet. Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu meldete, bei Anti-Terror-Einsätzen gegen die PKK in Istanbul und weiteren Städten seien 79 Verdächtige festgenommen und mehrere Waffen beschlagnahmt worden.

Mit Schrotkugeln und Nägeln gespickt

Den Behörden zufolge hatten ein oder zwei Selbstmordattentäter, darunter mindestens eine junge Frau, ein mit Sprengstoff beladenes Fahrzeug an einer Bushaltestelle in der Nähe des Kizilay-Platzes im Herzen der Innenstadt Ankaras explodieren lassen. Die Bombe war Polizeikreisen zufolge mit Schrotkugeln und Nägeln gespickt gewesen, um die Wirkung zu maximieren. Die Gegend war zudem zur Tatzeit sehr belebt. Zu den Getöteten gehörten - nebst der Attentäterin selbst - viele Studenten und Schüler.

Die 1992 geborene Attentäterin gehörte demnach seit 2013 der PKK an. Der männliche Angreifer soll ebenfalls Verbindungen zur PKK gehabt haben. Im Laufe des Montags wollte die Regierung offiziell bekanntgeben, welche Organisation hinter dem Anschlag steht. Laut Anadolu wurden im Südosten des Landes vier Personen festgenommen, die mit dem beim Angriff eingesetzten Auto in Verbindung gebracht werden. Nach Angaben aus Ermittlerkreisen soll das Fahrzeug in der Stadt Sanliurfa nördlich der syrischen Grenze gekauft worden sein.

29 Tote im Februar

Bereits Mitte Februar waren nahe dem Kizilay-Platz bei einem Bombenanschlag auf einen Militärkonvoi 29 Menschen getötet worden. Zu dem Anschlag bekannte sich damals die Kurdenorganisation Freiheitsfalken Kurdistans (TAK), die dem Umfeld der PKK zugerechnet wird. Im Oktober starben in Ankara mehr als hundert Menschen bei einem Selbstmordanschlag. Für diesen machte die Regierung die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verantwortlich.

Die Gewalt hat sich seit dem Scheitern einer mehr als zweijährigen Waffenruhe mit der PKK im Juli vor allem im Südosten des Landes deutlich verschärft. Hinzu kommen die andauernden Auseinandersetzungen an den Grenzen zum Bürgerkriegsland Syrien und dem Irak sowie vermehrte Anschläge in Ankara und Istanbul. Dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan ist viel daran gelegen, den Eindruck zu vermitteln, die Lage unter Kontrolle zu haben. «Der Terrorismus wird in die Knie gezwungen werden», kündigte Erdogan nach dem jüngsten Anschlag an.

Die türkische Regierung befürchtet, dass die kurdischen Kämpfer in Syrien eine Wiederbelebung der Separationsbestrebungen der Kurden in der Türkei auslösen. Auf der anderen Seite ist das Land am Kampf gegen den IS in Syrien und dem Irak beteiligt. Zugleich ist die Türkei ein Schlüsselland zur Linderung der Flüchtlingskrise. Die meisten Emigranten kommen über die Türkei nach Griechenland und damit in die EU.

(sda/gku)

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