Es gibt kluge Frauen, die würden Andrew Haldane vom Fleck weg heiraten. Das jedenfalls ergab eine nicht ganz repräsentative Umfrage in der «Handelszeitungs»-Redaktion. Haldane, 46, ist bei der britischen Finanzaufsicht Bank of England verantwortlich für den Bereich Finanzstabilität. Vor allem aber ist er Verfasser ökonomischer Schriften, bei denen nicht nur die Titel – «der Hund und das Frisbee» – aufmerken lassen. Für einen Oberaufseher über Banken vertritt Haldane nämlich ungewöhnliche Meinungen zum Thema Regulierung.

«Less is more», findet Haldane. Es brauche weniger, dafür nachvollziehbare Regeln. Mehr noch: Komplexe Vorschriften seien in einem komplexen Umfeld ein Rezept zum möglichen Desaster. Für diese Einsicht mag man Haldane vor den Altar zerren wollen. Lesen sollte man ihn ganz bestimmt.

Es wird gleich an mehreren Stellschrauben gedreht

Denn gerade brandet eine neue Welle von Regeln auf den Schweizer Bankenplatz ein. Auf Geheiss der hiesigen Finanzmarktaufsicht Finma muss die UBS ihre risikogewichteten Aktiven im Bereich der operationellen Risiken – etwa drohende Rechtsfälle – um 50 Prozent oder 28 Milliarden Franken erhöhen.

Noch ist nicht klar, ob und wie die Konkurrentin Credit Suisse nachziehen muss. Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf liess kürzlich durchblicken, dass für Schweizer Banken ausserdem eine Erhöhung der Leverage Ratio – das Verhältnis von Bilanzsumme zum Eigenkapital – wünschenswert wäre. Damit stehe auch zur Debatte, ob die Institute noch an ihrem Investment Banking festhalten, fand Widmer-Schlumpf.

Wohl nicht ganz zufällig schiessen nun Spekulationen ins Kraut, wie UBS und CS ihr Schweizer Geschäft aus dem Konzern heraustrennen könnten. Risikogewichtete Aktiven, Leverage-Ratio und Aufspaltung der Bankeinheiten im Stile des europäischen «Resolution Regime» – dieser Tage wird in der Schweiz gleich an mehreren Stellschrauben gedreht.

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Das Ziel dieser Bemühungen bleibt immer dasselbe: Die Banken müssen sicherer werden. Geraten sie dennoch in Schwierigkeiten, sollen sie geordnet in den Konkurs gehen. Nach der Rettung der Grossbank UBS durch die Steuerzahler ist dieses Anliegen legitim. Aber ist der Weg dorthin der richtige?

Gewinnen ist schwierig, zu verlieren gibt es viel

Haldane weiss auch auf diese Frage eine Antwort. Er verweist auf die Analogie des Schachbretts. Selbst Schachweltmeister könnten nur fünf Züge vorausdenken, mahnt der Brite. Die Finanzbehörden spielten jedoch ein weitaus komplexeres Spiel, eines mit mehr Figuren und einer Vielzahl von gegenseitigen Abhängigkeiten. Gewinnen ist da schwierig, zu verlieren gibt es viel. Ein einziges Bauernopfer – es sei an die Pleite von Lehman Brothers erinnert – kann sämtliche Mitspieler matt setzen.

Das dämmert inzwischen auch einigen tonangebenden Behörden. Die künftige Präsidentin der amerikanischen Notenbank Fed, Janet Yellen, äusserte sich Anfang Jahr zu just diesem Thema. Komplexe Verbindungen zwischen den verschiedenen Finanzmarktteilnehmern seien heute ein bestimmendes Merkmal des globalen Finanzsystems, so Yellen. Es sei deshalb dringlichste Aufgabe der Gesetzgeber, die Abhängigkeiten und Risiken in diesem System zu verstehen. Erst dann sei den Risiken mit global gültigen Regeln zu begegnen.

Ganz anders das jüngste Geschehen am Schweizer Finanzplatz. Dabei geht die Gestaltung seiner Zukunft gerade in die heisse Phase. Die Deadline zur Umsetzung der diversen Regelwerke rückt näher. Umso wichtiger ist es da, das Fuder nicht zu überladen. Solange jedes neu erkannte Risiko umgehend mit einer neuen Regel vergolten wird, bleiben die Gesetzgeber lediglich dem Rezept der Vergangenheit treu: Viel hilft viel.

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