Handelszeitung Online: Der Nationalrat führt eine dringliche Debatte zur Zukunft des Finanzplatzes Schweiz. Was erwarten Sie davon?
Hans Kaufmann:
Gar nichts. Es wird ein lockeres Dahinreden geben: Die eine Seite klagt über die Regulierung, und die Linke wird ideologische Sprüche über den Bankensektor platzieren.

Das tönt sehr pessimistisch.
Zu recht.

Auch für den Finanzplatz Schweiz?
Ja. Der Ernst der Lage ist noch nicht erkannt und das Finanzdepartement hat die Lufthoheit über die Finanzmarktaufsicht (Finma) verloren. Die Politik macht einen schlechten Job für die Schweizer Banken. Der Bundesrat ist auf die Strukturveränderungen, die zwangsläufig auf uns zukommen werden, nicht vorbereitet.

Deutschen Sie die Strukturveränderungen doch bitte aus.
Wegen der tiefen Zinsen und auslaufenden Zinsabsicherungen sinken die Margen, im Anlagegeschäft ist die Kundschaft inaktiv, das Emissionsgeschäft sowie der Devisenhandel harzen und die Kosten steigen. Damit sind nicht nur die Administration, sondern auch die höheren Eigenmittel- und Liquiditätshaltungskosten gemeint. In den nächsten Jahren kommen für rund 3 Milliarden Franken Regulierungskosten aller Art auf den Finanzplatz zu. Und in der Altersvorsorge laufen wir in das Problem hinein, dass die Menschen nicht mehr von den Zinsen leben können, sondern an der Substanz zehren müssen. Mit anderen Worten: Die Kunden ziehen ihre Einlagen von den Banken ab.

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Ist es Sache des Bundesrates, eine Finanzmarkt-Strategie zu haben?
Eigentlich ist das Sache der Privatwirtschaft.

Die FDP-Fraktion fragt in einer Interpellation «Wo steht der Schweizer Finanzplatz in zehn Jahren» - haben Sie darauf eine Antwort?
Die kommenden zwei bis drei Jahre werden für viele Banken zum Überlebenskampf. Seit 2007 haben wir im Bankensektor in der Schweiz zwar erst etwa 700 Arbeitsplätze verloren. Wenn aber nun Investmentbanken die Kosten um 20 bis 30 Prozent senken müssen, geht dies nur mit einem Personalabbau von mindestens 10 bis 20 Prozent.

Ein Überlebenskampf für die Banken wegen der Probleme mit dem Ausland?
Nicht nur. Ich denke insbesondere auch an Regionalbanken. Diese haben praktisch keinen Spielraum mehr – die Margenschmälerung im Zinsgeschäft wird bedrohliches Ausmass annehmen und die Regulierungskosten steigen massiv.

Der Bankenplatz wird sich konsolidieren?
Natürlich wird man probieren, Kosten zu senken und das zu verkaufen, was sich noch verkaufen lässt. Aber es wird auch zu Fusionen und Schliessungen kommen.

Sie haben die Politik kritisiert. Was kann diese zum Erhalt des Finanzplatzes beitragen?
Sie kann wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen schaffen. In der Schweiz befinden wir uns aber in einem Zustand der Regulierungshysterie, nicht nur im Banken-, sondern auch im Versicherungssektor. Töchter unserer Konzerne müssen beispielsweise in Deutschland drei Mal soviel Eigenkapital ausweisen wie die deutsche Konkurrenz.

Eine vorgestern veröffentlichte Studie zeigt aber, dass Zürich bei der Attraktivität der Finanzplätze weltweit auf Rang 5 vorgestossen ist.
Einverstanden. Aber punkto Regulierungsschikanen steht die Schweiz auf Platz 12 - und es dürfte noch schlimmer werden.

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Weniger Regulierung heisst aber auch mehr ins Risiko zu gehen?
Nicht zwangsweise. Regulierung kann auch eine falsche Sicherheit vorgaukeln.  Eine falsche Regulierung kann auch zu Marktverzerrungen führen.. Ein Beispiel: Für eine Hypothek von 1 Millionen Franken müssen die beiden Grossbanken etwa 20'000 Franken Eigenkapital unterlegen – für die Zürcher Kantonalbank zum Beispiel sind es rund 40'000 Franken (siehe dazu aktuelle Recherchen der «Handelszeitung», Anm. d. Red.). Das sind Wettbewerbsverzerrungen. «Too big to fail» kann nicht eliminiert werden, indem man die Grossen begünstigt. Wenn Banken geforderte Eigenmittel nicht innert nützlicher Frist beschaffen können, werden sie Unternehmenskredite kündigen, weil damit die grössten Eigenmitteleinsparungen erzielbar sind.

Dazu sind viele «Kriegsschauplätze» mit dem Ausland offen.
Wir haben von Anfang an gesagt: Wehret den Anfängen!

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Das heisst?
Wer sich einmal erpressen lässt, wird immer wieder erpresst werden. Und das zeigt sich nun auch. Meines Erachtens führt der Bundesrat eine «Hidden Agenda». So hätte Bundespräsidentin Eveline Widmer-Schlumpf das Amtshilfegesetz am liebsten mit dem OECD-Artikel 26 verknüpft. Wenn sich im Amtshilfegesetz Gruppenanfragen inskünftig nach Artikel 26 der OECD richten, kann dann dieser Artikel im Rahmen der OECD geändert und so der automatische Informationsaustausch eingeführt werden, ohne dass das Schweizer Parlament etwas dazu zu sagen hat.

Ist auch die Aufweichung des Bankgeheimnisses ein Resultat der Erpressung?
Ja. Unser Bundesrat gibt gegenüber dem Ausland laufend nach. Meines Erachtens müsste er endlich eine Volksabstimmung über die Aufhebung des Artikels 13 der Bundesverfassung, bei dem es um den Privatsphärenschutz geht, anordnen. Aber dazu fehlt ihm der Mut, weil er offensichtlich eine Niederlage befürchtet. Im Moment hält sich der Mittelabfluss im Private Banking noch in Grenzen, weil bei europäischen Anlegern Panik herrscht und deshalb Geld zu uns fliesst – so beispielsweise von Deutschen, die eine Art Zwangsenteignung befürchten. Aber unter dem Strich wird das Schweizer Private Banking weiter Geld verlieren.

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Der Zürcher SVP-Nationalrat Hans Kaufmann ist Gründer und VR-Präsident Kaufmann Research AG - und daneben insbesondere im Pensionskassenbereich mit Beratungs- und Verwaltungsrats-Mandaten tätig. Bis 1999 war Kaufmann unter anderem Finanzanalyst und Chefökonom Schweiz bei der Bank Julius Bär.