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Votum
UK-Wahl: Wirtschaft und Börsen atmen auf

Finanzplatz London: Hoffen auf sanften Brexit.   Keystone

Der harte Kurs von Theresa May kam bei den britischen Wählern nicht gut an. Nun zeichnet sich eine sanfte Trennung Grossbritanniens von der EU ab. Mit dem Entscheid kann die Wirtschaft offenbar leben.

Von Marc Bürgi und Mathias Ohanian
am 09.06.2017

Schon wieder haben viele Anleger falsch getippt: Die britische Premierministerin Theresa May hat bei den Wahlen nicht wie erwartet hinzugewonnen. Ihre konservative Partei hat vielmehr Sitze verloren, die Mehrheit der Tories im Parlament ist geschrumpft.

Obwohl die meisten Prognosen falsch lagen, blieb die Panik an den Finanzmärkten aus. Zwar ist das Pfund unter Druck gegenüber dem Euro, Dollar oder Franken. Doch nur leicht. Nach einem anfänglichen Verlust von 2 Prozent, holt es inzwischen wieder auf. Und an den Aktienmärkten steigen die Kurse – der Schweizer Leitindex SMI steht zur Mittagszeit 0,2 Prozent im Plus. Selbst der britische FTSE 100 legt deutlich zu, um 0,8 Prozent.

Harter Brexit weniger wahrscheinlich

Offensichtlich sehen die Anleger vor allem die positiven Seiten im Entscheid der britischen Wähler. Theresa May stieg mit einer harten Haltung in die Verhandlungen mit der Europäischen Union. Die Premierministerin riskierte damit den Bruch mit dem wichtigsten Handelspartner Grossbritanniens. Das scheint nun weniger wahrscheinlich.

Der Verlust des Pfundes sei schwächer gewesen als von manchen Prognostikern im Vorfeld erwartet, kommentiert Richard Buxton, Aktienchef für Grossbritannien bei Old Mutual Global Investors. Dies spreche dafür, dass der Markt eher auf einen versöhnlicheren Brexit setze. «Nun ist eine Einigung mit der Europäischen Union wahrscheinlicher geworden als ein reines Freihandelsabkommen», glaubt der Investmentchef der Valiant Bank, Renato Flückiger. Der harte Brexit wurde abgewählt, kommentiert der Chefökonom der Commerzbank, Jörg Krämer.

Schwaches Pfund stärkt britische Exporteure

Die Chancen sind gestiegen, dass Grossbritannien wirtschaftlich eng mit der EU verbunden bleibt. Der leicht gesunkene Kurs des Pfund stärkt zudem die Position der britischen Exportwirtschaft. Und schliesslich ist wohl auch die harte Sparpolitik, den Mays Regierung durchsetzen wollte, vom Tisch.

Das könnte der Wirtschaft zu mehr Stabilität verhelfen. So rechnen die Experten von Pioneer Investments für dieses Jahr mit einem Anstieg des Bruttoinlandprodukts um knapp 2 Prozent und etwas weniger 2018. Die britische Zentralbank rechnet damit, dass die Wirtschaft die Produktionslücke bis Ende 2019 schliessen kann.

London und Brüssel müssen Einigung finden

Dennoch bleibt der Weg steinig. Der Investmentchef der Vermögensverwaltung der Credit Suisse, Michael O'Sullivan, sieht lediglich wenige Vorteile im Wahlresultat: «Es gibt sehr wenige Gewinner, weil die Unsicherheit, die dadurch entsteht, Grossbritannien schadet.»

Das Land hat nun auch schlechtere Karten in den Verhandlungen mit der EU. «Die langfristige Entwicklung der britischen Wirtschaft hängt im grossen Mass von den Verhandlungen mit Brüssel ab», so Buxton von Old Mutual Global Investors. Das jedoch könnte auch ein Vorteil sein, weil Europa dann grosszügig gegenüber London auftreten könne, spekuliert er.

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