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Auseinandersetzung
Ukraine-Krieg: «Es ist besser, Donezk zu verlassen»

Ukrainische Soldaten: Die Armee will Donezk und Lugansk wiedererobern.   Keystone

Die ukrainische Armee steht offenbar kurz davor, die von Rebellen kontrollierte Stadt zu befreien. Dort werden Lebensmittel und Wasser knapp. Die Offiziellen stellen sich auf blutige Kämpfe ein.

Veröffentlicht am 11.08.2014

Die ukrainischen Armee bereitet sich auf die letzte Phase zur Einnahme der von Rebellen kontrollierten Stadt Donezk im Osten des Landes vor. Das sagte Militärsprecher Andrej Lyssenko am Montag in Kiew. «Unsere Soldaten haben Donezk komplett von Lugansk abgeriegelt», sagte er. «Wir arbeiten daran, beide Städte zu befreien, aber es ist besser, zuerst Donezk zu befreien – es ist wichtiger.»

Die von den Regierungstruppen in Donezk eingeschlossenen prorussischen Separatisten haben jedoch eine Gegenoffensive in den kommenden zwei bis drei Tagen angekündigt. Separatisten-Anführer Alexander Sachartschenko teilte mit, seine Kämpfer seien für einen Gegenangriff bereit. Sie seien ausreichend dafür bewaffnet, sagte der gebürtige Ostukrainer, der in der vergangenen Woche den Russen Alexander Borodaj an der Spitze der Rebellenbewegung abgelöst hatte.

Donezk: Lebensmittel und Wasser knapp

In der Industrie-Metropole Donezk mit einst 900'000 Einwohnern werden derweil Lebensmittel und Wasser immer knapper. Jene Einwohner, die nicht aufs Land geflüchtet sind, gehen kaum auf die Strasse. Banken blieben geschlossen. Renten und Sozialhilfe werden zurzeit nicht ausgezahlt. Eine Hilfsmission unter der Leitung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) soll nun den Menschen in der Ostukraine helfen. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko stimmte einem solchen Einsatz am Montag nach einem Telefonat mit US-Präsident Barack Obama zu.

An der Mission sollen sich demnach Russland, die EU, Deutschland und andere Partner beteiligen, wie die Präsidialverwaltung in Kiew mitteilte. Es gehe um einen Einsatz für die besonders von den blutigen Kämpfen betroffene Region Lugansk. Russland hatte immer wieder eine solche Hilfsmission gefordert und dem Westen Zögerlichkeit sowie «Blindheit» für die Notlage der Menschen vorgeworfen. Die ukrainische Führung hatte dagegen mehrfach die Befürchtung geäussert, Russland könnte unter dem Deckmantel eines Hilfskonvois Soldaten und Waffen über die Grenze schaffen.

Gefängnis von Granate getroffen

EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso warnte den russischen Präsidenten Wladimir Putin nach Angaben der EU-Kommission vor «einseitigen militärischen Aktionen, unter egal welchem Vorwand, inklusive humanitärer Einsätze».

In Donezk war die Nacht hindurch aus den Aussenbezirken Feuer schwerer Waffen zu hören. Eine Artilleriegranate traf am späten Sonntagabend ein Hochsicherheits-Gefängnis in der westlichen Vorstadt. Dabei wurde nach Angaben der Stadtverwaltung ein Häftling getötet. Über 100 Insassen seien entkommen. Mehr als 30 von ihnen kamen aber nach Angaben des ukrainischen Strafvollzugs wenig später wieder zurück.

Wegen der blutigen Kämpfe riet die ukrainische Regierung den Bewohnern der umkämpften Regionen zur Flucht. «Für Zivilisten ist es besser, Donezk und Lugansk zu verlassen», sagte Lyssenko vom Sicherheitsrat. Die «Anti-Terror-Operation» werde fortgesetzt, in jeder Stadt gebe es Fluchtkorridore. Die Armee müsse schnell handeln, damit die prorussischen Separatisten sich nicht neu formieren und mit Nachschub ausrüsten könnten.

Hoher Blutzoll

Die Kämpfe mit den Separatisten in der Ostukraine hatten Anfang Mai nach dem Beitritt der Halbinsel Krim zu Russland begonnen. Seither wurden nach Angaben der ukrainischen Regierung 568 Soldaten in den Gefechten getötet. Nach Einschätzungen der UNO wurden seit Ausbruch des Konflikts über 1100 Soldaten, Rebellen und Zivilisten getötet.

Mehr als drei Wochen nach dem mutmasslichen Abschuss des malaysischen Flugzeugs MH17 teilten die Separatisten in dem von ihnen kontrollierten Absturzgebiet mit, alle Leichenteile und privaten Gegenstände der 298 Opfer geborgen zu haben. Von internationalen Experten gab es zunächst keine Bestätigung. Die Helfer hatten das Gebiet nach der Tragödie vom 17. Juli abgesucht, mussten die Region aber zuletzt wegen der Gefechte verlassen.

(sda/moh)

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