Zur Rettung der von Krieg zerstörten Welterbestätten in Syrien ist nach Expertenmeinung ein internationaler Kraftakt nötig. Zum Auftakt der Unesco-Welterbetagung in Krakau am Sonntag sagte der Berliner Altorientalist Professor Markus Hilgert, die Schäden hätten inzwischen ein kaum vorstellbares Ausmass.

«Betroffen sind nicht nur alle sechs Welterbestätten in Syrien. Auch Tausende von alten Stadtkernen, Baudenkmälern, Moscheen, Archiven, Bibliotheken und archäologischen Stätten sind in Mitleidenschaft gezogen», ergänzte Hilgert im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa.

Verheerende Zerstörungen

Bei der Tagung der UNO-Kulturorganisation im polnischen Krakau soll bis zum 12. Juli nicht nur über Neuaufnahmen auf die begehrte Unesco-Schutzliste diskutiert werden. Wichtiges Thema sind auch die weltweit 55 von insgesamt 1052 Welterbestätten, die als akut gefährdet gelten - darunter in Syrien etwa Aleppo, Damaskus und die Wüstenstadt Palmyra.

Auch in der irakischen Stadt Mossul gibt es laut Hilgert nach dem wochenlangen Kampf gegen die IS-Terrorherrschaft verheerende Zerstörungen.

«Diese Herausforderungen können wir nur international gemeinsam angehen», sagt Hilgert, Direktor des Vorderasiatischen Museums in Berlin und Mitglied des Unesco-Notfallteams für Syrien. «Wir müssen weltweit nach Lösungen suchen, wie wir diese unwiederbringlichen Schätze so weit wie möglich retten und künftig besser schützen können. Das ist eine gigantische Aufgabe, die uns noch Jahrzehnte beschäftigen wird.»

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Erholung durch Tourismus

In Syrien ist Hilfe vor Ort aus Sicherheitsgründen derzeit nicht möglich. «Wir müssen aber schon jetzt schauen, die Menschen für die Wiederaufbauarbeiten am Tag x vorzubereiten», so der Experte. «Denn die Kultur ist der entscheidende Schlüssel, um in einem so geschundenen Land wieder ein Stück Heimat und Identität zu schaffen. Und auch für die wirtschaftliche Erholung durch den Tourismus sind gut erschlossene Kulturstätten unabdingbar.»

So wurden laut Hilgert bereits 500 Fachleute aus Syrien in einem Unesco-Programm in Beirut für die notwendige Bestandsaufnahme und die anstehende Rekonstruktions- und Sanierungsarbeit geschult. Sieben Tonnen Spezialmaterial seien ins Land gebracht worden.

«Grosse Bereitschaft»

«Es gibt in Syrien eine sehr grosse Bereitschaft, sich für das gemeinsame Kulturerbe einzusetzen», berichtet der Wissenschaftler. «Dass die Menschen in einem Land, das so zerrissen ist vom Bürgerkrieg und das immer wieder humanitäre Katastrophen unvorstellbaren Ausmasses erlebt hat, diesen Mut und die Kraft finden, ist bewundernswert. Das sollte auch uns Ansporn sein, alle in unserer Kraft stehende Hilfe zu leisten.»

(sda/gku)