Nach den Krawallen am Jahrestag der tödlichen Schüsse eines weissen Polizisten auf den schwarzen Jugendlichen Michael Brown haben die Behörden den Ausnahmezustand über die US-Kleinstadt Ferguson verhängt.

Die Anordnung vom Montag galt für den gesamten Bezirk St. Louis im Bundesstaat Missouri. Damit ging die Leitung des Polizeieinsatzes in Ferguson an die Bezirksbehörden über, die «Schaden für Personen und Besitz» bei weiteren Krawallen befürchteten.

Schwerverletzter in der Nacht auf Montag

Bei Zusammenstössen nach dem Gedenken an Brown war in der Nacht auf Montag mindestens ein Mann schwer verletzt worden. Der Mann habe am Sonntag das Feuer auf Polizeibeamte in Zivil eröffnet, die zurückgeschossen und den Angreifer schwer verletzt hätten, sagte der Polizeichef von St. Louis, Jon Belmar.

Zuvor habe es eine Schiesserei zwischen zwei Gruppen gegeben. Der Schütze war zunächst am Ort des Schusswechsels am späten Abend und rannte dann weg. Als er auf vier Polizisten in Zivil traf, eröffnete er laut Belmar das Feuer und traf deren Fahrzeug. Die Beamten hätten zurückgeschossen, den Mann zu Fuss verfolgt und nochmals geschossen. «Alle vier haben auf den Verdächtigen geschossen», dieser sei dann hingefallen. Der Verletzte schwebe in Lebensgefahr.

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Video zeigt blutenden Schwarzen

Videoaufnahmen der Nachrichtenagentur AFP zeigten einen stark blutenden Schwarzen, der mit Handschellen gefesselt und dem Gesicht nach unten am Boden lag. Zur Hautfarbe des angeschossenen Mannes wollte sich Belmar nicht äussern. Die in den Vorfall verwickelten Polizisten verfügten über sechs bis zwölf Jahre Berufserfahrung und seien bis auf weiteres beurlaubt worden.

Bei dem Schusswechsel gegen 23.00 Uhr Ortszeit zwischen zwei verfeindeten Gruppen wurden «zahlreiche» Schüsse abgefeuert, wie Belmar weiter sagte. Die Schützen seien keine Demonstranten, sondern «Kriminelle» gewesen.

Gedenken an Michael Brown

In Ferguson hatten am Sonntag rund 300 Menschen bei einer Kundgebung an die tödlichen Polizeischüsse auf den Schwarzen Michael Brown vor genau einem Jahr erinnert. Unter anderem verharrten die Demonstranten viereinhalb Minuten lang in Schweigen – in Erinnerung an die viereinhalb Stunden, die die Leiche des 18-Jährigen auf der Strasse gelegen hatte, bevor sie weggebracht wurde.

Zudem liessen Demonstranten zwei weisse Tauben fliegen. Viele Teilnehmer trugen T-Shirts mit dem Abbild Browns, andere hielten Schilder mit Aufschriften wie «Stoppt das Töten von schwarzen Kindern».

Dankbarer Brown-Senior

Browns Vater, der ebenfalls Michael heisst, zeigte sich dankbar dafür, dass so viele Menschen an der Kundgebung teilgenommen hätten. Wenn die Demonstranten nicht gekommen wären, «wäre all das hier unter den Teppich gekehrt worden», sagte Brown bei der Demonstration.

Am Abend wuchsen dann die Spannungen, als zwei Geschäfte geplündert wurden. Etwa 50 Menschen plünderten einen Schönheitssalon in Ferguson.

Mahnwache in New York

Auch in New York gab es eine Kundgebung. In Gedenken an Michael Brown hielten dutzende Menschen eine Mahnwache am Union Square ab. Zuvor hatten bereits etwa 100 Menschen in Brooklyn demonstriert. Die Polizei nahm mehrere Demonstranten fest.

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Brown war am 9. August 2014 nach einem Handgemenge von dem weissen Polizisten Darren Wilson in Ferguson im Bundesstaat Missouri mit mehreren Schüssen getötet worden. Wilson wurde nicht angeklagt, obwohl der Jugendliche unbewaffnet war.

Vorfall in Texas

Browns Tötung und der spätere Verzicht auf einen Strafprozess hatten in Ferguson und zahlreichen anderen Städten der USA zu teils gewalttätigen Protesten geführt. An dem Fall entzündete sich eine landesweite Debatte über Rassismus und Polizeigewalt.

Im texanischen Arlington kam es am Sonntag zudem zu einem ähnlichen Vorfall wie vor einem Jahr in Ferguson. Nach Angaben der Polizei erschoss ein weisser Polizist einen unbewaffneten Schwarzen, der sein Auto in das Schaufenster eines Autohauses gefahren hatte.

(sda/ise)