In einem Jahr wählen die USA. Diese Wahl unterscheidet sich vollständig von allen bisherigen. Und das nicht nur, weil sie die teuerste sein wird und die mit dem längsten, härtesten Vorkampf.

Vielleicht geschieht ja noch ein Wunder. Wenn nicht, wird der nächste Präsident der USA - oder ihre erste Präsidentin - von Januar 2017 an die am wenigsten vereinigten Staaten von Amerika regieren müssen, die es je gegeben hat. Mit gravierenden Folgen, für das Land wie international.

«Diese Wahl unterscheidet sich von allen anderen», sagt Charlie Cook vom «National Journal», einer der erfahrensten Beobachter von Präsidentschaftswahlen überhaupt. Dabei stellt sich die Frage: warum?

Die Hintergründe

Erstens: Noch nie waren die Wähler so sehr ideologisiert wie vor dem 8. November 2016. «Die moderate Mitte ist fast verschwunden», sagt Cook. Die Demokraten seien weiter nach links, die Republikaner weiter nach rechts gerückt. «Befeuert wird das von klassischen Medien (TV, Zeitungen, Magazine) wie von unzähligen Internetpublikationen.» Alle wollen auf möglichst heissem Feuer ihr Süppchen kochen. Für dieses Feuer wiederum sind die fast täglichen Umfragen (oft aus nie gehörter Quelle) willkommener Sprit.

Zweitens: Der US-Wirtschaft geht es zwar gut. Aber die Ökonomie ist fragil, unterliegt einem Jojo-Effekt. Entscheidend ist, dass die positiven Effekte kaum beim normalen US-Amerikaner ankommen. Seit 1999 verharrt das mittlere Haushaltseinkommen auf dem selben Wert.

Drittens: Bei einigen Themen hat der normale, gute und nötige politische Wettstreit den Status eines echten Kulturkampfes angenommen. Abtreibung, Umwelt, Klimawandel - das Ringen um die «richtigen» Werte wird immer verbissener und unversöhnlicher geführt.

Viertens: Etablierte Politiker werden rundheraus abgelehnt. Der «Washington Post» sagten fast drei Viertel der Befragten: Nein, Politikern kann man nicht trauen. Erst dieses Klima hat den Sommer der Outsider ermöglicht, schafft Wind unter die Flügel von Donald Trump, Ben Carson und Carly Fiorina. Alle drei Antithesen des klassischen Politikers. Das treibt vor allem die Republikaner um, ihre Kandidaten waren immer etablierte Politiker oder Ex-Militärs.

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Fünftens: Die Wut auf «Washington» als Synonym für «kriegt nichts geregelt» wird regelrecht toxisch. Wahlforscher wie Peter Hart (Pennsylvania) beschreiben tief besorgt, mit welchem Hass gleichzeitig der Kongress als dysfunktional beschimpft und jede überparteiliche Zusammenarbeit rundweg abgelehnt wird.

Die Kandidaten

Das Feld der Republikaner: Satte 17 Mann hoch ist die Grand Old Party (GOP) angetreten, jetzt sortiert sich das Feld. Trump wird wohl noch eine Zeit lärmen und dann die zurzeit noch so prall geblähten Segel streichen. Der sanfte Carson dürfte es länger aushalten. Fiorina auch, aber sie hat kaum eine kampagnenfähige Kampfmaschine unter sich - das wird schwierig werden, trotz hochgelobter Performance, Prägnanz und Top-Vorbereitung.

Favoriten der GOP: Marco Rubio, der Senator aus Florida, gilt als derzeit bester Allround-Athlet. Jung, unverbraucht, macht Staat bei der immens wichtigen Gruppe der Latinos, das könnte gehen. Ex-Top-Favorit Jeb Bush, der Traurige, sucht angesichts immenser Schwierigkeiten ungläubig nach dem Reset-Knopf. Noch ist sein Rennen nicht vorbei, aber er braucht dringend messbaren Erfolg. Ted Cruz hatte einen bombigen Auftritt in der letzten TV-Debatte, der Senator aus Texas markiert den Rechtsausleger, ist ein begnadeter Kommunikator. Abwarten.

Die Demokraten: Hillary Clinton muss nur keinen Fehler mehr machen, dann hat sie die Kandidatur sicher. Aber sie ist unbeliebt und vielen allzu etabliert, ihre Vita bietet so viele Angriffspunkte wie ein ganzes Footballfeld. Eine gewaltige Maschine arbeitet daran, ihr Image softer und menschlicher zu gestalten, die E-Mail-Affäre scheint sie langsam abzustreifen.

Senator Bernie Sanders wird sich irgendwann verabschieden, aber seine Themen kommen bei vielen so gut an, dass Clinton diesen taktisch nach links folgt. Das ist für die moderaten, konservativen Wähler ein Problem. Und es ist nicht die echte Hillary.

Die Kosten

Historisch hoch - wie immer. Noch jeder US-Wahlkampf war viel teurer als der zuvor. Allein Barack Obama und Mitt Romney gaben 2012 eine Milliarde US-Dollar aus - jeder. Schon jetzt haben die mehr als 1000 angemeldeten Super-PACs viel mehr in der Kriegskasse.

Ausserdem

Eng und spannend wird auch die turnusmässige Wahl um 34 der 100 Senatssitze. Nach den gängigsten Prognosen verlören die Republikaner zwei bis vier Sitze und behielten mit gut 51 hauchdünn die Mehrheit (die sie in der zweiten Kammer auch haben und wohl halten).

Der Ausgang

Die Demografie der USA wandelt sich rapide und spricht für Clinton. Es gibt immer weniger traditionelle Wähler. Bei den wachsenden Minderheiten (Schwarze, Latinos, Asiaten) schneiden die Demokraten gut ab. Andererseits: Konnte eine Partei das Weisse Haus für zwei aufeinanderfolgende Amtszeiten halten, konnte sie es im Anschluss daran nur sehr selten noch ein drittes Mal erobern.

Unmöglich, heute sicher zu sagen, wer 2016 die Wahl gewinnt - ein Anschlag, ein unabhängiger Kandidat (Michael Bloomberg?), wer weiss. Der oder die Commander in Chief wird ein tief gespaltenes Land führen müssen in einer immer komplexeren Welt, in der auch und gerade die letzte verbliebene Supermacht vor der Frage steht: Wer wollen wir sein?

Der offizielle Startschuss in eines der nach wie vor bedeutendsten Rennen der Politik, er fällt am 1. Februar 2016 im Bundesstaat Iowa.

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(sda/dbe/ama)