Wenn es nach den Meinungsforschern von Survey Monkey geht, ist das Rennen gelaufen. Clinton führt im Kampf um das Weisse Haus mit sieben Punkten. «Halt!», sagt die «Los Angeles Times». Sie sieht Trump mit vier Punkten vorn. Beide Institute sind seriös. Wer hat Recht?

Die halbe Welt zählt die Tage: Nach einem aufreibenden Wahlkampf-Marathon werden die Amerikaner nächste Woche an die Urne gerufen, um einen neuen Präsidenten zu wählen. Je näher der Termin kommt, desto mehr rücken die Meinungsforscher mit ihren Umfragen in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Und sie sorgen für Stirnrunzeln. Denn die Prognosen liegen teils deutlich auseinander. Die wichtigsten Fragen zu den vorliegenden Umfragen.

Wie verlässlich sind die US-Meinungsforscher?

Das ist zuverlässig erst nach der Wahl zu beantworten. Allerdings lässt sich bei den etablierten Instituten nachschlagen, wie gut sie bei zurückliegenden Wahlen gelegen haben. Generell waren die Umfragen etwa 2012, beim zweiten Wahlsieg Barack Obamas, zu skeptisch dem Amtsinhaber gegenüber.

Im Schnitt sahen die Umfragen noch am Tag vor der Wahl Obama nur um 0,7 Prozentpunkte vorn. Er gewann schliesslich mit 3,9 Punkten vor Mitt Romney. Am dichtesten dran waren die Umfragen von ABC/Washington Post und von Pew Research, die den Amtsinhaber um jeweils drei Punkte vorne sahen.

Wird mit Demoskopie Politik gemacht?

Ja. Im Internet kursieren Dutzende Umfragen, die keinerlei wissenschaftliche Kriterien erfüllen und den einzigen Zweck haben, den einen oder anderen Kandidaten gut aussehen zu lassen. Nach den Fernseh-Duellen wurden zahlreiche Blitzumfragen veröffentlicht, in denen die Befragten zu 90 Prozent Donald Trump als Gewinner sahen. In seriösen Erhebungen lag Clinton vorn.

Der Blog FiveThirtyEight der «New York Times» hat deshalb ein Ranking für Umfrageinstitute erstellt und listet darin auch auf, wenn das jeweilige Institut in der Vergangenheit überwiegend in die eine oder andere Richtung danebenlag.

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Welches sind die besten Institute?

Dem Ranking zufolge schneiden unter den grösseren Instituten die Monmouth University und das gemeinsame Institut von ABC und «Washington Post» am besten ab – mit einer ganz leichten Tendenz zu den Demokraten. Auch CBSNew York Times» haben ein ordentliches Rating, mit leichter Tendenz zu den Demokraten.

Gallup, Rasmussen oder das Emerson College neigen dagegen dazu, die Republikaner leicht überzubewerten, sind aber seriös. Das gilt auch für die «Los Angeles Times», die in den vergangenen Wochen Donald Trump deutlich positiver sah als andere Institute.

Warum gibt es deutliche Unterschiede zwischen den Umfragen?

Die Institute arbeiten nach unterschiedlichen Methoden. Sie suchen sich die Stichprobe ihrer Befragten nach verschiedenen Kriterien und gewichten diese unterschiedlich – etwa was Wohnort, Alter, Geschlecht, Bildungsstand oder Einkommen angeht. Dies führt zu unterschiedlichen Ergebnissen. Allerdings orientieren sich die Institute auch gegenseitig aneinander und versuchen so, Abweichungsspitzen zu vermeiden.

In der Regel werden die Abstände kleiner, je näher der Wahltag rückt. 2012 lagen die Meinungsforscher kurz vor dem Wahltag noch maximal vier Punkte auseinander. Gegenwärtig sind es bis zu elf Punkte. Zum vergleichbaren Zeitpunkt vor vier Jahren waren es acht Punkte Unterschied.

Was kann die Umfragen verfälschen?

Die Meinungsforscher können die Umfragen selbst beeinflussen, indem sie unterschiedlich gewichten. Viel mehr fürchten sie sich aber davor, von den Befragten belogen zu werden. In Grossbritannien hat 2015 etwa der sogenannte «Shy Tory Factor» – der Effekt, dass Wähler der Konservativen Partei den Meinungsforschern gegenüber ihre Wahlabsicht nicht zugeben – zu einer nicht für möglich gehaltenen Blamage der Meinungsforscher geführt. Ähnliches war auch beim Brexit-Votum zu beobachten.

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In den USA ist das Phänomen unter dem Namen «Bradley»-Effekt bekannt. 1982 hatten die Bürger von Los Angeles nicht zugeben wollen, dass sie den Afro-Amerikaner Tom Bradley nicht als Bürgermeister wählen würden. Der polarisierende Kandidat Trump sei geeignet, ähnliche Effekte auszulösen, glauben Experten – allerdings in jegliche Richtung.

Gibt es eine Alternative zu Wählerumfragen?

Ja. Die Ratingagentur Moody's etwa stützt ihr Modell auf wirtschaftliche und politische Gegebenheiten – Wirtschaftswachstum, Benzinpreise oder die Beliebtheit des Amtsinhabers. Mit diesem Modell habe man seit Ronald Reagan richtig gelegen, heisst es von Moody's. Es sagt einen glasklaren Sieg für Clinton voraus.

Der deutschstämmige Professor Helmut Norpoth aus New York dagegen sieht mit seinem Modell Trump deutlich vorn. Er stützt sich einerseits auf die jeweilige Performance in den Vorwahlen, andererseits auf die Tatsache, dass eine Partei nur schwer mehr als acht Jahre die Macht im Weissen Haus innehaben kann. Professor Allan Lichtmann hat ein «Schlüsselfragen»-Modell entworfen – etwa ob der Amtsinhaber militärisch und wirtschaftlich erfolgreich war. Norpoth und Lichtman sehen Trump noch immer im Vorteil.

(sda/jfr)