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Etatstreit
USA zwischen Muskelspiel und «Bank Run»-Vorsorge

Barack Obama: Dem US-Präsidenten stehen weiter harte Verhandlungen bevor. (Bild: Bloomberg)

Eine typisch amerikanische Inszenierung einer Show – oder eine ernsthafte Bedrohung für die Weltwirtschaft mit Rezessionsfolgen? Der US-Shutdown wirft aus Anlegersicht elementare Fragen auf.

Von Volker Strohm
am 10.10.2013

Wird den USA am 17. Oktober das Geld ausgehen?
Nein. An diesem Tag – so heisst es – wird das gesetzliche Kreditlimit von 16,7 Billionen Dollar ausgeschöpft sein. Experten in Washington reden allerdings davon, dass es sich dabei lediglich um eine grobe Schätzung handelt. Ausserdem sparen die USA durch den aktuellen Shutdown Geld.

Welches sind denn die wichtigen Stichtage?
Am 31. Oktober wird nach dem offiziellen Stichtag vom 17. Oktober die erste grosse Tranche fällig: Das Finanzministerium in Washington muss eine Zinszahlung von 5,9 Milliarden Dollar leisten. Allerdings gehen fast alle davon aus, dass diese Summe dann noch flüssig sein dürfte. Deutlich enger wird es bereits tagsdarauf: Am 1. November stehen Zahlungen von 50 Milliarden Dollar für die Gesundheitsfürsorge Medicare, Renten und Militär an. Weitere Zinszahlungen gibt es am 15. November – spätestens mit jenen 30 Milliarden Dollar wäre die US-Haushaltskasse wohl definitiv leer.

Weshalb weist die Regierung die US-Notenbank nicht einfach an, frisches Geld zu drucken?
Die geldpolitische Hoheit liegt beim Federal Reserve, kurz Fed – also beim am 31. Januar 2014 scheidenden Ben Bernanke. Im Gesetz gibt es aber eine Ausnahme oder eine Lücke: Das Finanzministerium darf Platin-Münzen prägen lassen – und gleichzeitig Aussehen und Nennwert bestimmen. Der Passus wurde ursprünglich eigentlich für Gedenkmünzen geschaffen, taucht aber im Zusammenhang mit der Eine-Billion-Dollar-Münze immer wieder auf. «Die Idee ist zwar lächerlich, aber nicht absurder als die Drohung der Republikaner, Amerika in die Pleite rauschen zu lassen», schrieb «BusinessInsider»-Gründer Henry Blodget bereits im Januar dieses Jahres.

Ist ein echtes Krisenszenario wirklich realistisch?
In der Tat haben die Finanzmärkte dem Tauziehen in den USA lange reaktionslos zugesehen – zuletzt ist die Nervosität aber eindeutig gestiegen. Obwohl ein Zahlungsausfall nach wie vor als unwahrscheinlich gilt, werden bei US-Banken bereits Notfallszenarien durchgespielt. Laut Medienbericht hätten zumindest drei der zehn grössten US-Banken ihre Geldautomaten jetzt schon vorsorglich mit zusätzlichem Bargeld versehen, um auf eine mögliche Panik der Kunden reagieren zu können. In Fachkreisen heisst dies: «Bank run».

Wie reagieren die Anleger?
Am einfachsten lässt sich dies bei den Kosten für Kreditausfallversicherungen ablesen – Fachbegriff CDS, Credit Defaul Swaps. Diese Absicherungsprämie hat sich seit Anfang Oktober im Falle von US-Anleihen fast verzehnfacht. CDS werden in erster Linie zwischen Hedgefonds und Investmentbanken, also im institutionellen Markt, gehandelt. Dieser Preisanstieg beweist: Die Marktteilnehmer sind längst nicht mehr so cool, wie sie sich gegen aussen hin geben.

Rüsten sich ausländische Banken gegen den «Worst Case»?
Zumindest aus London sickerte durch, dass britische Banken den Fall einer US-Zahlungsunfähigkeit mit der Aufsichtsbehörde durchgespielt hätten. So sollen Banken auch nur noch kurz laufende US-Anleihen aus Angst vor einem Zahlungsausfall meiden – bei längeren Laufzeit ist hingegen kaum etwas zu spüren. Mit anderen Worten: Niemand glaubt an ein anhaltendes «Worst Case»-Szenario. Bei Schweizer und deutschen Finanzbehörden redet man hingegen nicht von Krisen-Prophylaxe. 

Unter dem Strich also nur ein lautes Bluffen und Muskelspiel auf politischer Ebene?
Nein. Ganz auf die leichte Schulter darf man den US-Shutdown auf keinen Fall nehmen. So warnt mittlerweile auch bereits die OECD vor möglichen Folgen: Die 34 Staaten der Organisation könnten 2014 zurück in die Rezession stürzen. Allerdings gibt auch die OECD zu: «Das Ausmass der weiteren negativen Auswirkungen kann nur erraten werden.» Fakt ist: Finanzmärkte mögen vor allem eins nicht – Unsicherheit!

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