Es ist amtlich: Der neue Bundespräsident Österreichs heisst Alexander Van der Bellen, wie Innenminister Wolfgang Sobotka am Nachmittag mitteilte. Nach Auszählung der Briefwahlstimmen entfallen auf Van der Bellen 50,3 Prozent, auf seinen Konkurrenten Norbert Hofer 40,7 Prozent der Stimmen. Es ist ein denkbar knappes Wahlergebnis mit einem Abstand von gut 30'000 Stimmen.

Van der Bellen steht nun für die kommenden sechs Jahre an der Spitze der Alpenrepublik. Er löst am 8. Juli den Sozialdemokraten Heinz Fischer ab, der verfassungsgemäss nach zwei Amtszeiten ausscheidet. In dieser Zeit will Van der Bellen für eine anderen Umgang und eine neue Gesprächskultur in der Politik werben. So wie es jetzt sei, fühlten sich offenbar viele Menschen «nicht ausreichend gesehen oder gehört oder beide», sagte er in seiner ersten Erklärung vor der Presse. Er wolle in seiner Amtszeit auch die Wähler seines Kontrahenten Norbert Hofer von der rechten FPÖ gewinnen. Statt von einem Graben, der Österreich trennt, spreche er lieber von zwei Hälften, die beide zu Österreich gehörten. «Die eine Hälfte ist so wichtig wie die andere», sagte Van der Bellen mit Blick auf das knappe Wahlergebnis.

Hofer räumt Niederlage ein

Sein Konkurrent Hofer hatte seine Niederlage bereits vor der offiziellen Bekanntgabe per Facebook eingeräumt. Er bedankte sich dort für die Unterstützung und sagte: «Natürlich bin ich heute traurig. Ich hätte gerne für Euch als Bundespräsident auf unser wunderbares Land aufgepasst.» Seine FPÖ kündigte an, am Dienstag über eine eventuelle Anfechtung der Wahl zu beraten.

Das Ergebnis der Stichwahl war mit Spannung bereits für den Sonntagabend erwartet worden. Am Ende des Wahltages stand aber ein Patt: FPÖ-Kandidat Hofer und sein Konkurrent Van der Bellen vereinten jeweils 50 Prozent der Stimmen auf sich. Damit wurden die 900'000 Stimmen der Briefwähler, die heute erst ausgezählt wurden, zum Zünglein an der Waage.

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Viele Stimmen in den Städten

Van der Bellen holte vor allem in den Städten viele Stimmen. In Wien als einem der wichtigsten Bundesländer kam er auf fast 70 Prozent. Auch in allen anderen Landeshauptstädten fand der Wirtschaftsprofessor teils deutlich mehr Zuspruch als der FPÖ-Kandidat Hofer. Hofer dagegen punktete vor allem im ländlichen Raum. Die Wahlbeteiligung lag bei 72,7 Prozent, wie der Innenminister mitteilte.

Die Wahl war international auf grosses Interesse gestossen. So hatte die EU-Kommission deutlich für Van der Bellen geworben. Der 72-Jährige hat sich ausdrücklich zu einem europafreundlichen Kurs bekannt. In der Flüchtlingskrise vertritt Van der Bellen einen moderaten Kurs und ist ein Gegner von Grenzkontrollen und Grenzzäunen.

Rasante Aufholfjagd

Der 72-jährige Wirtschaftsprofessor Van der Bellen hat mit dem Sieg eine starke Aufholjagd hingelegt: In der ersten Runde am 24. April lag er mit 21,3 Prozent klar hinter Hofer mit 35 Prozent der Stimmen. Politologen hatten den Vorsprung des FPÖ-Kandidaten als fast uneinholbar bezeichnet. Beim ersten Wahlgang war ein Drittel der rund 6,4 Millionen Wahlberechtigten in Österreich der Abstimmung ferngeblieben. An der Stichwahl beteiligten sich rund 200’000 Wähler mehr, die Wahlbeteiligung lag bei 72,7 Prozent.

Van der Bellen erhielt seit dem ersten Wahlgang die Unterstützung der Linken und des Zentrums. Die beiden Regierungsparteien SPÖ und ÖVP hatten erstmals seit Ende des Zweiten Weltkriegs keine Chance mehr, den Bundespräsidenten zu stellen, weil ihre Kandidaten im ersten Wahlgang mit jeweils rund zehn Prozent weit abgeschlagen waren. Auch deswegen trat Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) Anfang Mai zurück.

Erleichterung in Europa

Nach dem Sieg Alexander Van der Bellens gehe ein «Seufzer der Erleichterung» durch Europa, sagte Italiens Aussenminister Paolo Gentiloni. Der französische Premier Manuel Valls freute sich, «dass die Österreicher den Populismus und den Extremismus zurückgewiesen haben».

Als «gut und wichtig für Europa» bezeichnete der tschechische Ministerpräsident Bohuslav Sobotka den Sieg des früheren Grünen-Chefs Alexander Van der Bellen. Verteidigungsminister Martin Stropnicky von der pro-europäischen Protestbewegung ANO sprach von einem «knappen, aber für Europa wichtigen Sieg».

Glückwunschbekundungen für Van der Bellen kamen vom deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck und der litauischen Präsidentin Dalia Grybauskaite. Gauck würdigte seinen künftigen Amtskollegen als «überzeugten Europäer» und lud ihn zu einem Besuch nach Berlin ein. Als erste gratulierten die deutschen Grünen dem früheren Chef ihrer österreichischen Schwesterpartei. «Wir freuen uns, dass unser Nachbarland mit ihm ein Staatsoberhaupt bekommt, das für ein offenes und pro-europäisches Österreich steht», sagte Parteichef Cem Özdemir. Van der Bellen müsse das Land nun einen.

(mbü/me; mit Material von Reuters, sda und awp)